De første 200 linjer.
Der Schauplatz ist Berlin. Es ist Sonnabend, der 3. November 1923.
Ein Päckchen Zigaretten kostet 4 Milliarden Mark. Und fast jeder...
hat das Vertrauen sowohl zur Gegenwart als auch in die Zukunft verloren.
Mr. Abel?
Hier, das ist Ihr Abendbrot. Für Sie beide. Ihr Bruder ist schon oben.
- Gute Nacht, Herr Rosenberg. - Vielen Dank.
Setzen Sie sich doch.
So. Wie ich eben erfahre, sprechen Sie perfekt Deutsch.
Und ich bestelle extra 'ne Dolmetscherin. Herrgott noch mal!
Fräulein Dorst ist der ganze Sonntag versaut! Ihr Name?
Abel Rosenberg. 35 Jahre alt, geboren in Philadelphia.
Meine Familie stammt aus Riga.
Vor einem Monat kam ich mit meinem Bruder Max und seiner Frau Manuela nach Berlin.
Nein, das war schon Ende September. Max hatte sich das Handgelenk verstaucht,
deshalb konnten wir nicht auftreten. Wir sind Zirkus-Artisten. Trapeznummer.
Gibt's einen Grund für den Selbstmord Ihres Bruders? Depressionen?
Unglückliche Liebe? Alkoholismus?
Drogen? Nervenzusammenbruch? Ganz allgemein lebensmüde?
- Ich weiß nicht. - Ein unerklärbarer Impuls, war es das?
Na ja, das gibt's. Schon seine Frau verständigt?
Nein, ich versuchte es gestern Abend und heute Morgen, traf sie aber nicht an.
- Sie leben nicht alle zusammen? - Nein. Max und Manuela...
sind seit 2 Jahren geschieden. Nachdem wir unser Engagement verloren hatten,
suchte sich Manuela was beim Cabaret. Ich werd heut Nachmittag dahingehen.
- Die erste Vorstellung ist um 3, sonntags. - Kann ich mal Ihre Papiere sehen?
- Sind Sie Jude? - Warum?
Nur so.
War nur so 'ne Frage.
Sie können gehen. Danke.
Schon Pläne gemacht?
Werden Sie in Berlin bleiben?
Wie Sie wissen, herrscht bei uns große Arbeitslosigkeit.
Sie können nicht mit Unterstützung rechnen, wenn Ihnen Ihr Geld ausgeht.
- Ja, ich weiß. - Goodbye, Mr. Rosenberg.
Auf Wiedersehen, Herr Kommissar. Auf Wiedersehen, Fräulein Dorst.
Abel! Abel.
Hast du schon zu Mittag gegessen? Komm mit, ich lad dich ein. Komm, komm!
Wie geht's denn so, mein lieber Abel? Und wie geht's Max und Manuela?
Glaubst du, sein Handgelenk ist bald wieder in Ordnung?
Wir alle vermissen euch sehr. Der ganze Zirkus. Du wunderst dich sicher,
was ich hier in Berlin mache, wo doch der Zirkus in Amsterdam ist.
Ich suche ein paar neue Nummern, mein Junge. Komm mit rein.
Heutzutage kann ich jeden kriegen, den ich will. Denn alle wissen,
ich zahle in Dollar. Alle Vorstellungen sind ausverkauft.
Selbst wenn das Zelt doppelt so groß wär, es wäre gerammelt voll.
- Bitte sehr, Herr Direktor. - Suppe, Hasenbraten und ein Bier.
- Und eine Flasche Schnaps auf den Tisch. - Wie gewöhnlich, Herr Direktor.
Franz, nimm den Scheiß da weg.
Also, heute Morgen las ich einen Artikel in der Zeitung.
Hör dir das mal an: "Schreckliche Zeiten stehen uns bevor,
denn beschnittene, antichristliche Asiaten strecken von allen Seiten...
ihre blutbesudelten Hände aus, um uns zu erdrosseln.
Das Massaker an Christen durch den Juden Isaskar Zederblum alias Lenin...
würde selbst einen Dschingis Khan vor Neid erblassen lassen.
Das jüdische Terroristenpack, gedrillt auf Mord und Totschlag,
bewegt sich durch das Land mit fahrbaren Galgen,
um ehrliche Bürger und Bauern abzuschlachten.
Wollt ihr Tausende von Menschen an den Laternenpfählen baumeln sehen?
Wollt ihr warten, bis auch in eurer Stadt bolschewistische Kommissare...
ihr mörderisches Handwerk aufnehmen, in der gleichen Weise wie in Russland?
Wollt ihr über Berge von Leichen stolpern, auch die eurer Frauen und Kinder?
Das Leben in der heutigen Zeit ist ein einziger Schrecken."
Brauchst du Geld? Ich kann dir was borgen. Hier. Da hast du ein paar Milliarden.
Steck sie ein, ich brauch sie nicht. Hast du nichts dazu zu sagen, Abel?
Ich glaube nicht an diesen politischen Quatsch. Der Jude ist ebenso dumm...
wie jedermann. Wenn ein Jude Ärger kriegt, ist das seine eigene Schuld.
Den kriegt er, weil er sich dumm anstellt. Und wenn ich mich nicht dumm anstelle,
werd ich auch keinen Ärger bekommen.
- So, jetzt weißt du's, Papa Hollinger. - Mach's gut, mein Junge.
Danke für die Suppe. Und auch für das Geld.
Ich muss zu Manuela. Um 4 muss ich da sein.
Alles Gute.
- Guten Tag. - Hallo, Abel.
Ist er nicht süß?
Wie geht's dir?
Darling, komm mit mir, sieh mich lieb an,
ach, du brachtest so viel an. Dein Gesicht ist wie aus Marzipan...
und auch der Busen fasst sich gut an.
Und er kann's nicht lassen anzufassen, hinzufassen, dranzufassen.
Nimm die Pfoten weg, mein Sohn, ich kenn dich schon.
Ich hab ein süßes Bonbon...
in meinem kleinen Salon.
Von dem Bonbon möcht mancher naschen.
In meiner Situation ist keine Rede davon,
dass einer darf von diesen Flaschen.
Doch bist du stark und wirklich nett, dann werd ich plötzlich ganz kokett.
Dann bin ich nicht mehr prüd, wer weiß, was geschieht?
Aus Liebe mach ich es schon,
du kriegst mein süßes Bonbon. Ganz ohne Trick...
hast... du... ein...
klick.
Abel!
Abel.
Was ist?
Max hat sich gestern erschossen. Als ich abends nach Hause kam, fand ich ihn.
Ich wusste, dass er's tun würde.
Ich...
ich hab versucht, auf ihn aufzupassen. Aber ich dachte nicht,
dass er's wirklich...
Er hatte eine Arbeit angenommen, weißt du, was das war?
Ich hab ihn mal danach gefragt,
da sagte er nur, er bekäme gutes Geld dafür...
und ich sollte mich um meine eigenen Angelegenheiten kümmern.
Hier, der Brief ist für dich.
Ich kann seine Schrift nicht lesen.
Kannst du's?
Ich kann's auch kaum entziffern.
Wart mal.
Hier kann ich was...
"Eine immer stärker werdende Vergiftung."
Stärker werdende Vergiftung?
Ich... ich hab ihn...
- nicht oft gesehen in den letzten Wochen. - Ihr habt doch im selben Zimmer gewohnt.
Wir haben uns gestritten, haben uns geprügelt.
Wegen einer Nutte.
Ich hab nicht sehr fest zugeschlagen, ich war besorgt.
Wegen seines verstauchten Handgelenks.
Ach du Schreck, das Finale! Und ich bin nicht fertig, bitte hilf mir!
- Ich wusste gar nicht, dass du das kannst. - Ich auch nicht. Eins der Mädchen...
hat Grippe, da bot ich mich an, einzuspringen. Ach, da!
Pass bitte auf das Geld auf, ich kann es hier nirgends wegschließen.
Schon merkwürdig, das alles mal von hier aus zu sehen.
Ich glaube, wir kennen uns.
Haben wir nicht zusammen unsere erste Zigarette geraucht?
Nein? Auch nicht, wenn ich "Amalfi" sage, ein Sommertag vor 26 Jahren?
Die Ferienhäuser unserer Eltern lagen nebeneinander.
Du hattest eine ältere Schwester, sie hieß - Augenblick - Rebecca!
- Stimmt's? - Lassen Sie mich bitte vorbei.
Aber selbstverständlich, Abel Rosenberg.
- Na los, los, 'n bisschen schneller da. - Der Dreck da muss weg.
- Dahinten noch. Macht mal etwas schneller. - Das muss sauber werden. Na los.
Herr Wachtmeister! Sehen Sie denn nicht, was da passiert?
Was soll denn das?
Was gibt's da zu glotzen? Willste mitschrubben? Kannste haben.
Komm nur her.
Im Krankenhaus, seit 3 Wochen. Sein Asthma wird immer schlimmer.
- Einen Schnaps und 'n Bier, bitte. - Ja.
Den ganzen Weg zu Tante Emma musste ich laufen. Gott sei Dank war die zu Hause.
Rudi, das Bier! Entschuldigung.
Aber die konnte auch nicht kommen, die hat's am Arm.
Ich sagte schon so oft, sie soll zum Doktor gehen, sich untersuchen lassen.
Kann ja Krebs... Stell's dahin. Kann ja Krebs sein.
Ich finde, sie ist schrecklich abgemagert in den letzten Monaten.
- Findest du? - Ja.
So.
So.
Und jetzt steh auf und zieh deine nasse Jacke aus.
Ich mach dir einen schönen, starken Tee.
Schön heiß.
Das wird dir gut tun.
So.
Das ist nur der Mann, der die Toilettenkübel auswechselt.
Der kommt jeden Montagmorgen gegen 4.
Oh Gott!
Wir haben den Sommer immer in Amalfi verbracht.
Mama hatte was an der Lunge.
Max und ich spielten immer mit einem Jungen namens Hans Vergerus.
Und seine Familie stammte aus Düsseldorf.
Sein Vater war ein ziemlich hohes Tier.
Richter am Reichsgericht oder so was.
Mama mochte Hans nicht. Ich glaube, niemand mochte ihn,
aber jeder hielt ihn irgendwie für ein Genie.
Einmal...
hatten wir eine Katze gefangen und festgebunden.
Hans schnitt sie auf...
bei lebendigem Leib...
und zeigte mir, wie ihr Herz schlug.
Wie rasend, wie rasend!
Vor 10 Jahren kreuzten sich wieder unsere Wege, in Heidelberg.
- Als wir mit dem Zirkus dort waren. - Ja, ich erinnere mich daran.
- Ich hab ihn getroffen. Heute. - Hans?
Bist du ihm nicht begegnet? Er war im Cabaret.
Nein.
Manuela!
Manuela?
Huhu. Es ist schon Morgen.
Wenn man einflussreiche Leute kennt, hat das den Vorteil,
dass man immer Bohnenkaffee zum Frühstück hat.
Ich hab schon Feuer angemacht. Aber es dauert 'ne Weile,
- bis es richtig warm wird. - Kriegst du Holz und Kohlen...
- auch auf diese Weise? - Ich kenn einen Holz- und Kohlenhändler.
Aber leider niemanden, der mir Butter besorgen kann,
darum gibt's nur Marmelade. "Mit chemischen Geschmacksstoffen",
- steht auf dem Etikett. - Oh, ich schulde dir 1 Dollar.
- Besser, ich gebe ihn dir gleich. - Ach, lass doch.
Du solltest das Geld lieber annehmen, bevor ich's für Schnaps ausgebe.
- Trinkst du denn so viel? - Wenn ich Geld habe, schon.
- Willst du nicht wieder zum Zirkus zurück? - Wozu sollte das gut sein ohne Max?
- Wir brauchen natürlich 'n neuen Partner. - Du weißt so gut wie ich,
- dass wir niemanden finden. - Ich weiß nichts.
Wir müssen eben eine neue Nummer aufbauen, nur du und ich.
Abel, wie wär's mit einer Zaubernummer?
Ich kenn einen großartigen Zauberkünstler: Markus. Du kennst ihn doch auch.
Er hat sich grade zur Ruhe gesetzt, wir können seine Nummer übernehmen.
Ich weiß nicht.
Seit... seit dieser Geschichte mit Max,
da hab ich...
Seit ich mit Max zusammen war, bist du mein großer Bruder gewesen.
- Wir müssen zusammenhalten, hörst du? - Ich erwache aus einem Albtraum...
und stelle fest: Die Wirklichkeit ist schrecklicher als der Traum.
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