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Es heißt, Bücher finden ihre Leser.
Aber manchmal brauchen sie jemanden, der ihnen den Weg weist.
Dies ist die Geschichte von einem Mann,
der schon seit vielen Jahren nur noch in einer Welt aus Büchern lebte.
Die Buchhandlung am Stadttor
war für ihn das Herz dieser Welt.
Er hatte alle Bücher darin gelesen,
und so fand er immer genau das,
was seine Kunden lesen wollten.
Carl Kollhoffs Routine begann jeden Tag
im Hinterzimmer der Buchhandlung
und war sein ganzer Lebensinhalt.
Sein Weg durch die Altstadt
war so unterschiedlich wie die Menschen, die er besuchte.
Und doch verband sie eine Gemeinsamkeit.
-(leise) Guten Tag. -Die Liebe zum Lesen.
Carl lebte daher nicht in einer Stadt mit Tausenden Einwohnern,
sondern in einem Dorf, dem Dorf der Lesenden,
dessen Bewohner oft nah beieinander wohnten
und doch nichts voneinander wussten.
Einer dieser Bewohner war Herr von Hohenesch,
der ganz allein im größten Haus der Stadt lebte.
Guten Tag.
Für Carl war er jedoch Mr Darcy aus Stolz und Vorurteil.
Überhaupt waren für Carl alle Menschen Figuren aus Geschichten.
Wie Captain Ahab.
Nur war Moby Dick kein Wal.
Er kannte das doppelte Lottchen,
das immer noch unzertrennlich war.
Und die Königin aus Schneewittchen.
Die hoffentlich davon absah, ihre Äpfel zu vergiften.
Und Herkules, für den keine Verpackung ein Hindernis war
und der jedes Mal die gleiche Frage stellte:
Wollen Sie reinkommen, was übers Buch erzählen?
Nein, danke. Die Bücher müssen zu ihren Menschen.
Diese Grenze überschritt Carl nie.
Carl kannte keinen seiner Kunden wirklich,
denn alle Menschen blieben für Carl Kollhoff
nur Gestalten aus Büchern.
Carl lebte mit seinen Büchern wie mit einer Familie aus Papier.
Er konnte sich gar nicht mehr an eine Zeit erinnern,
in der er sein Leben mit anderen Menschen geteilt hat.
Vielleicht hatte Carl aber auch
die Tür zu dieser Erinnerung zugeschlagen.
Und obwohl Carl es liebte, alleine mit seinen Büchern zu sein,
hatte sich nach und nach etwas eingeschlichen:
Einsamkeit.
Und langsam war diese Einsamkeit immer größer geworden.
-Wie ein Gewitter... -(Donner)
...das aus der Ferne heranzieht.
Dies ist die Geschichte von einem Mann,
der frische Luft in sein Leben lassen musste.
Doch wer hätte ahnen können, dass aus etwas frischer Luft
gleich ein Wirbelwind wird?
So. Alle mal herhören.
Ben, Ennis, Handy weg. Hört mal zu.
Unsere Atlanten sind angekommen.
Wer möchte mit zur Buchhandlung und sie holen?
Ich brauche drei Leute.
Schascha. Danke, sehr schön.
-Immer die Neue, ist klar. -Ich schleppe doch keine Bücher.
Also, wer möchte Schascha begleiten?
-(Frau) Ich weiß nichts von Atlanten. -Die müssten gestern angekommen sein.
-Hat Frau Degkwitz gesagt. -Wer ist Frau Degkwitz?
Sie spielt Farm Slotter 77.
Hm, Kind. Heute ist hier Kick-off.
Unser erster Tag. Welcome Orange Books, Entertainment hooks.
Tja, von daher: Atlanten.
Alles, was gestern war, da müsst ihr Herrn,
weiß nicht, wie er heißt, fragen, er gehört zum Inventar.
Ah, Tom Sawyer und Huckleberry Finn.
Ihr seid bestimmt hier, um die Atlanten zu holen, hm?
So, meine Freunde.
Einmal und zweimal.
Atlasse braucht kein Mensch mehr. Google Maps, Alter.
Man entdeckt keine neuen Erdteile
ohne den Mut, alte Küsten aus den Augen zu verlieren.
-Hä? -André Gide.
Nobelpreis Literatur, 1947. Und wie ich finde, vollkommen zu Recht.
Was labert der?
Hallo, Mama. Wir waren heute in der Buchhandlung.
Der Mann hat das gemacht wie du, als er die Bücher genommen hat.
Und zwar...
Und dann hat er es genommen.
So, und die Jungs sind wirklich zu blöd.
Aber Frau Degkwitz ist eigentlich ganz nett.
Papa?
Ich bin Schascha. Ich bin neun Jahre alt.
Du darfst sicher nicht mit einem Unbekannten gehen.
Du... bist kein Unbekannter. Ich kenne dich aus der Buchhandlung.
Und ich sehe dich immer aus dem Fenster unserer neuen Wohnung.
Du bist der Buchspazierer.
Wenn du mich kennst, weißt du auch, dass ich immer alleine gehe.
Gut, dann gehst du alleine, und ich gehe allein daneben.
"Niemals bin ich allein.
Viele, die vor mir lebten und fort von mir strebten,
webten, webten an meinem Sein."
Rainer Maria Rilke.
Selbsterforschung. Was?
Ha! "Selbsterfroschung".
-(Klopfen) -Ah.
Guten Tag, Herr Kollhoff.
Ich habe wieder was für Sie.
"Selbsterfroschung".
Selbsterfroschung bezeichnet den Weg zu der Erkenntnis,
was den inneren Kern des Selbst ausmacht.
Hinter der Selbsterfroschung steht die These,
dass jeder Mensch in sich einen...
Frosch hat, den er nur durch Liebe,
im Märchen einen Kuss, zum Leben erwecken kann.
Der Begriff tauchte erstmals 1923
in Sigmund Freuds Das Ich, das Es und... der Frosch auf.
Bravo.
-Himbeere. -Oh, Himbeere.
Ah, bitte.
Es spielt in der Provence, und jedes einzelne Wort
duftet nach Lavendelblüte, warmer Erde
und süßem Holz.
Ich hoffe, da sind Fehler drin, dann habe ich wieder ein Wort für Sie.
Ganz sicher.
Was sagen eigentlich deine Eltern dazu?
Mein Papa ist auf der Arbeit, Mama würde es erlauben.
-Hast du gar keine Angst vor mir? -Nö.
Ich könnte gefährlich sein.
-Du gehst nicht gefährlich. -Ich gehe nicht gefährlich?
-Aber ich könnte Kinder fangen. -Das schaffst du nicht.
Früher vielleicht, aber jetzt nicht mehr.
Also, du kommst nicht mit.
Mein letztes Wort.
Und wie hat Ihnen das letzte gefallen?
Ah, fantastisch.
Wie ich hörte, steht das hier den anderen Büchern in der Reihe
in nichts nach.
Ich habe von einem Roman gehört.
Da ist es die ganze Zeit Nacht, weil es in Grönland spielt.
Und die Hauptfigur hat gerade ihr... Kind verloren.
-Tod unterm Eiszapfen. -Ja.
Ich finde, das klingt... richtig gut.
-(beschwingte Musik) -(Mann) Tschüss.
Hallo. Ich suche den Buchspazierer.
-Den was? -Den Mann.
Der mit den Büchern.
-Sie meint Herrn Kollhoff. -Ach, den.
-Der Herr Karlhoff ist nicht hier. -Kollhoff.
Whatsoever.
-Ähm, wo wohnt er? -Das weiß ich nicht.
-Das dürfte ich nicht kommunizieren. -Sie möchte es dir nicht sagen.
-Wieso nicht? -Datenschutz.
Das wäre Frau Bruckner-Siebenstädt in Hamburg nicht recht.
Also tue ich es auch nicht.
Nope.
Warte! Komm, ich zeige dir, wo der Buchspazierer wohnt.
Ha... Hallo?
-(stürmisches Klingeln) -Wer...
An Hartnäckigkeit scheint es dir ja nicht zu mangeln.
-Was ist Hartnäckigkeit? -Du.
Äh... Auch das noch.
-Boah. -Schlecht erzogen bist du auch noch.
-Hast du die alle gelesen? -Ja. Und nicht nur einmal.
So, und jetzt geh wieder nach Hause.
Ähm...
Warum hast du es hier so dunkel?
So liest es sich besser. Also, unter einer Lampe.
Und weniger Geräusche, weil die Vorhä... Hey.
-...hänge dafür sorgen... -Ah, ich habe ein Geschenk für dich.
Das ist aus dem Apfel, den du heute verloren hast.
-Ja, deinetwegen. -Ja, ich weiß.
Aber wenn du ihn einpflanzt, musst du nie wieder Äpfel kaufen.
-Also, du musst Wasser rein... -(lautes Rauschen)
...reinfüllen, dann bekommt er Wurzeln.
Das habe ich mit Mama früher gemacht. Wir hatten einen großen Garten.
Aber Papa hat es da nicht ausgehalten.
Aha.
-Ah, und... Wasser. -Ja.
Schön, danke. Dann geh jetzt aber auch wieder.
So.
Runter.
Was...
-Wie rum? -Egal.
-Vorsicht. Vorsicht. -(Carl) Danke.
Herr Carl?
Sie haben heute eine etwas kleinere Runde.
Aha.
Einige Kunden möchten ihre Bücher selber abholen.
Dafür gibt es von uns dann einen Voucher.
Es ist ja besser, wenn sie herkommen.
Dann nehmen sie auch unsere Non-Books mit.
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