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Kant sagt, die menschliche Vernunft wird durch Fragen belästigt, die sie
nicht abweisen, aber auch nicht beantworten kann.
Okay, wovon reden wir hier?
Moral? Entscheidungsfreiheit?
Die Beliebigkeit des Lebens? Ästhetik? Mord?
Ich glaube, Abe war von Anfang an verrückt.
War es der Stress? War es Wut?
War er angeekelt von dem, was er als das "endlose Leiden des Lebens" sah?
Oder war er einfach nur gelangweilt
von der Bedeutungslosigkeit des täglichen Daseins?
Er war so irre interessant. Und so anders.
Und er konnte gut reden.
Und er konnte jedes Thema durch Worte verschleiern.
Wo fangen wir an?
Die Existenzialisten sind der Meinung, dass erst etwas passiert,
wenn man ganz unten landet.
Als ich in Braylin zu unterrichten begann, war ich emotional quasi im Tal des Todes.
Natürlich war mir mein Ruf, oder sagen wir "ein" Ruf, vorausgeeilt.
Es heißt, Abe Lucas soll ab Sommer bei uns am Institut unterrichten.
Tatsächlich?
Na, das pumpt 'n bisschen Viagra in den Fachbereich Philosophie.
Er ist wahnsinnig interessant, aber sieht total fertig aus.
Ich finde, so 'n Burn-Out-Look hat was.
Oh mein Gott, find ich auch.
Total. Und er geht mit seinen Studentinnen ins Bett, hab ich gehört.
- Echt jetzt? - Is' nicht wahr.
Ja. Echt. Ja.
Abe Lucas lehrt im Sommer-Semester "Ethische Grundlagen" bei uns.
- Hast du was von ihm gelesen? - Mhm.
Er ist sehr radikal. Sehr unkonventionell.
Man liebt oder hasst ihn, ehrlich.
Faye Cohen kennt jemand, der ihn kennt,
aber sie meint, dass, er hatte wohl 'ne schlimme Depression,
als seine Frau ihn verlassen hat.
Es heißt, sie wäre mit seinem besten Freund durchgebrannt.
Wirklich?
Ich hab das Gerücht gehört,
er wäre zusammengebrochen, als sein bester Freund getötet wurde.
Irgendein Typ vom Fernsehen, wurde im Irak enthauptet.
Ist das nicht gruselig? Wenn es stimmt?
Gott, ich hab den Typen noch nicht mal gesehen und bin schon eifersüchtig.
Eifersüchtig? Ich find's toll, dass du eifersüchtig bist.
Dann fühl ich mich begehrt.
Oh, keine Sorge, der ganze Campus begehrt dich.
- So 'n Quatsch. - Aber du gehörst mir.
Also, der Gedanke, dass du
in den Bann irgendeines charismatischen Professors gerätst...
Da musst du dir keine Sorgen machen. Ich stehe in deinem Bann.
Gut. Das soll auch so bleiben.
- Ja? - Mhm.
'Tschuldigung.
Ah, wisst ihr, wo Jessup Hall ist?
Ja, Jessup Hall ist das Gebäude da vorn, das rote.
Aha. Okay, danke.
Doktor Reed?
- Oh. - Professor Lucas...
- Professor Lucas, willkommen in Braylin. - Danke.
- Geht's Ihnen gut? - Ja.
- Sie hatten bestimmt eine lange Reise. - Mhm. Sehr wohl. Ja.
- Tja, dann, ah... - Danke.
Wir haben gerade das Frühjahrssemester beendet
und der Sommer ist immer sehr lebhaft hier in Braylin.
Aha...
Und wir freuen uns alle, dass wir Sie hier im Fachbereich Philosophie haben.
Danke.
Das ist es.
Die Uni-Unterkünfte liegen ziemlich verstreut,
aber immer noch so, dass Sie vom Campus aus
alles zu Fuß erreichen können.
Und Newport wird Ihnen gefallen.
Es ist wunderschön hier, nur im Sommer 'n bisschen zu voll.
Das kann ganz schön nerven.
Das Haus ist klein, aber sehr komfortabel.
Ahm, da drüben ist das Wohnzimmer... Zur Küche geht's da lang...
und gleich daneben ist ein kleines Esszimmer.
Und oben...
Hier entlang...
Badezimmer rechts...
Und das ist das Schlafzimmer... Es ist klein, aber sehr gemütlich.
Und da ist noch ein Arbeitszimmer.
Sie werden begeistert sein vom philosophischen Institut.
Ja, es ist auf dem schönen, alten Teil des Geländes.
Und es gibt einen modernen Flügel,
in dem die neuesten technischen Spielereien und der Computerkram
untergebracht sind, falls Sie auf so was stehen.
Ach, und wenn Sie Tapetenwechsel brauchen, es sind nur 45 Minuten nach Providence.
Wollen Sie 'n Schluck?
Oh, nein, Gott, nein.
Es gibt einen kleinen Cocktail-Empfang für Sie um sechs.
Ganz ehrlich, ich war begeistert von Ihrem Essay über Situationsethik.
Oh. Das hör ich gern.
Unter unseren Kollegen in Adair führte er zu ein paar
kleinen atmosphärischen Störungen.
- Das ist mein Mann Paul. - Hallo. Freut mich sehr.
Das ist Abe Lucas, Fachbereich Philosophie.
- Mm. Ja. - Wie sieht's damit aus?
Ich hätt' gern noch so einen, bitte.
- Was war das? - Wodka Martini, extra Oliven.
- Und für Sie? - Mmm. Ich nehm' auch noch einen.
- Ah, Scotch? - Mhm.
- Okay. - Danke.
Ich bin Rita Richards. Es ist so schön, dass Sie da sind.
Hey, wenn Ihnen mal langweilig ist und Sie
echte Insiderinfo brauchen, wer hier an der Uni wen fickt,
wenden Sie sich an mich.
Also... Kant würde sagen, dass in einer wahrhaft moralischen Welt
kein Platz für die Lüge ist. Mm?
Und selbst die kleinste Lüge
seinen kostbaren kategorischen Imperativ zerstört.
Nach Kant wäre es also so: Kommt ein Killer in Ihr Haus,
will den Mann, der sich oben versteckt, umbringen, fragt Sie, wo er ist,
wären Sie gezwungen, es ihm zu sagen.
Denn in seiner perfekten Welt, da dürften Sie nicht lügen.
Ich versteh' die Logik so,
dass, wenn man die Tür öffnet, auch nur 'n Spalt,
man damit eine Welt akzeptiert, in der Lügen erlaubt ist.
Okay, Sie wollen damit sagen, wenn Sie Anne Frank
und ihre Familie auf Ihrem Dachboden verstecken
und die Nazis kommen und nach ihr fragen, dann sagen Sie:
"Jawohl, die Franks sind da oben"?
Eher nicht.
Es gibt nämlich einen Unterschied zwischen
einer theoretischen Welt des philosophischen Schwachsinns
und dem echten Leben. Verstehen Sie?
Dem echten, hässlichen, elenden Leben.
Dem voller Gier und Hass und Völkermord.
Wenn es das Einzige ist, was Sie von mir lernen, dann,
dass ein Großteil der Philosophie nichts weiter ist als verbale Masturbation.
- Habt ihr schon mit ihm geredet? - Mm.
Ich hab ihn gefragt, ob er mit uns essen will.
- Ich find ihn nett. Aber er lebt... - Er isst gern allein.
Ja, er lebt in seiner eigenen Welt.
Ich denke, er ist ein Einzelgänger.
Ah, ja, ja, kann sein.
Ja, lass ihn in Frieden. Oder?
- Vielleicht braucht er Zeit. - Ja.
Okay, Kierkegaard.
Ahm...
Also, in unserem alltäglichen Leben,
da haben wir absolute Entscheidungsfreiheit.
Ja? Man kann nichts tun oder alles.
Und dieses Gefühl von Freiheit verursacht in uns Angst.
Ein Schwindelgefühl.
Angst ist der Schwindel der Freiheit.
Die Studenten lieben Sie,
aber im Kollegium, da runzelt natürlich manch einer die Stirn.
Verlieren Sie nie die Lust am Unterrichten?
Nein.
Haben Sie sich nie gefragt, was das alles überhaupt soll?
Mm. Hm-m.
'Ne neue Uni, neuer Schwung junger Leute.
Nette, junge Leute.
Mm. Durchschnittliche Leute.
Nett, aber mittelmäßig.
Sie wachsen heran,
um die Welt mit ihrer Ignoranz zu formen,
ihrer Fehlinformation und Passivität.
- Alles in Ordnung? - Hm?
- Ist alles in Ordnung? - Ja, ja.
Möchten Sie kurz mit rein? Ich wohn' hier.
Paul ist in Aspen bei 'nem Symposium. Ich hab gutes Gras.
- 'n andermal. - Sicher?
Ja.
Danke... Trotzdem danke. Bis bald.
Morgen reden wir über die Phänomenologie und Husserl.
Also denken Sie an Ihre Lektüre.
Kann 'n bisschen kompliziert werden.
Alles klar?
Hi. Sie wollten mich sprechen?
Ja, Ihre Hausarbeit war recht gut.
- Wirklich? - Ja.
Ich les' so viele Hausarbeiten und...
Normalerweise paraphrasieren die Studenten nur, was sie lesen,
aber Ihre Gedanken waren frisch und gut formuliert.
Oh, danke, ich fühl' mich geschmeichelt.
Ahm, offen gesagt, war ich sehr beeinflusst
von Ihren Ideen über Beliebigkeit und Zufall.
Hn. Also, besonders spannend
waren die Passagen, in denen Sie meine Ideen infrage stellen,
wo Sie mir widersprechen.
Ah, Ihre Argumente waren gut begründet und originell.
Ich glaub', ich werd' grade rot, oder?
Das ist wirklich ein großes Kompliment. Danke.
Ahm, ich hatte allerdings an gewissen Stellen Ihres Buchs
Schwierigkeiten zu folgen, ja?
Und wenn Sie mir ein paar Dinge erklären könnten,
würde ich mich sehr freuen.
Klar. Aber geht das auch draußen, bevor ich hier drin ersticke?
Ihr Blick auf die Existenz ist zu düster für mich.
Es gibt keine erlösenden Momente durch Freude oder Vergnügen.
Mhm.
Warum studieren Sie Philosophie? Was erhoffen Sie sich davon?
Wenn Sie nämlich herausfinden wollen,
was der ganze Schwachsinn hier soll, vergessen Sie's.
Sie schreiben Bücher, Aufsätze... Sie haben so viel gemacht!
Wissen Sie was? Wenn ich zurückblicke auf dieses ganze verbale Getue...
Wir dachten damals, wir waren was Besonderes.
Ich bin früher bei jeder schwachsinnigen Demo mitmarschiert...
Ich war sechs Monate in Darfur, hab hungernden Familien Essen gebracht
und ich hatte am Ende 'ne Meningitis.
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