Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht
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"Am 16., da wir uns ungefähr unterm 58. Grade südlicher Breite befanden,
leuchtete die See des Nachts, welches uns
der hohen Breite und der Kälte des Himmelsstrichs wegen
merkwürdig dünkte,
obgleich das Leuchten hier nur unter einzelnen Funken zu sehen war.
Das Thermometer stand am Mittag auf 33,5 Grad.
An diesem ganzen Strich hatten wir starke Winde
und sahen oft Seegras, besonders Felskraut,
eine große Menge von Sturm- und anderen Seevögeln.
Von den letzteren belustigten uns vornehmlich einige große graue Möwen,
die einen großen weißen Albatros jagten."
Jakob!
"Trotz seiner langen Flügel konnte er ihnen nicht entgehen."
Jakob!
"Sie suchten, ihm von unten unterm Bauche beizukommen, wo er..."
- Gib das Buch her! - Ich habe nichts gehört.
- Komm raus jetzt! - Jakobche, gib mir das Buch.
Ich habe nichts gehört. Nicht das Buch, Vater!
Raus!
Lumpes! Wenn du weiter faulenzt, breche ich dir das Genick.
- Gib das Buch her! - Jakobche!
Solange du bei mir lebst, tust du, was ich sage!
Wohin willst du?
Du nimmst den Lumpes auch noch in Schutz.
Jetzt gibt's was.
Kommt sich schon vor wie ein Indianer, der Flabbes.
Häh, häh, häh!
Unkel.
Was ist?
Heute,
den 1. April des Jahres
1842,
in Schabbach,
beginnt
seine Aufzeichnung,
Jakob Adam Simon,
Sohn des Schmiedemeisters Johann Simon
und seiner Frau Margarethe, meiner lieben Mutter,
aus Anlass der Stimme seines Herzens, die Welt sehen zu wollen,
so sie in Büchern beschrieben
und von Reisenden in Erfahrung gebracht wurde,
besonders der Sprachen wegen, die ich studieren will.
Das liegt am Vollmond, wenn du nicht schläfst.
- Ist gut, Großmutter. - Pass gut auf, was du träumst.
Träume gehen eines Tags in Erfüllung.
So will ich denn...
... diesem Buche getreulich anvertrauen
jeden meiner Schritte und ernsten Beschlüsse,
bis das Weltmeer meiner wartet, mich in die Neue Welt zu tragen.
Nachts hat mich oft der Schlaf geflohen
und vor meinem Auge sind die Scharen von Männern und Frauen,
Mägden, Kindern und Jünglingen erschienen,
die ihre Heimat in diesen Jahren verlassen.
In langen Reihen ziehen ihre Schatten zu den brausenden Meeren
und weit in die Neue Welt.
Warum, so fragt mein sehnendes Herz,
warum die Heimat für immer verlassen?
Wo doch Not hier nicht von Dauer ist
und Glück den Auswanderern selten gewiss.
Warum stehen überall die hochbeladenen Wagen
reisefertig in den Gassen der Rheinlande, der Pfalz
und, wie man hört, in ganz Europa?
Jetzt ist es so weit. Die Kuhn-Brüder wandern aus.
Alle drei mitsammen.
Viele, die abends noch zögern und schwören zu bleiben,
wachen mit dem Gedanken auf, noch heute ihre Wurzeln auszurei$en
und dem Ruf der Zeit zu folgen,
einem Ruf, der stärker ist als all unser Wollen.
Der Herr segne und behüte dich!
Er lasse sein Angesicht leuchten über dir!
Der Herr gebe dir Frieden!
Ich segne euch. Amen.
Vorwärts! Jawohl.
Unser Vater, der du bist im Himmel! Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.
Unser täglich Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld...
Das sind die letzten.
Das müsst Ihr Euch so vorstellen, Mutter.
Da ist der Acker fünfhundertmal größer wie hier.
Da gibt es keinen Winter.
Zweimal im Jahr können sie Korn und Mais und Weizen abmachen
im Rio Grande.
Aber am größten ist der Wald im Norden.
Tausendmal größer wie der ganze Hunsrück ist der.
Woher hast du das nur, Jakob?
Mir wird ganz anders, wenn ich dir in die Augen gucke.
Da ist was in deinem Blick...
Ich weiß nicht, woher du das hast.
Das ist bloß aus ein paar Büchern. Hundert gibt es, paar tausend.
Nein, Jakob, du warst schon als Kind anders wie alle anderen.
Hast stundenlang in die Luft geguckt.
Da hat die Großmutter gesagt,
passt auf, dass der Junge nicht früh stirbt,
bei dem Blick in die andere Welt.
Der Vater sieht das nicht so.
Nun haben wir den Frühling von einem Jahr begrüßt,
das uns endlich mit Gottes Hilfe den verdienten Lohn für die harte Arbeit
mit guter Ernte schenken soll.
Auf sieben magere Jahre folgen wieder die fetten Jahre.
Sieben Jahre der Not, der Missernte, der Dunkelheit
und auch des Todes von vielen unserer kleinen Kinder liegen hinter uns.
Den Satz "Geh aus mein Herz und suche Freud'"
haben einige als Aufforderung gedeutet,
ihr Glück jenseits vom Weltmeer zu suchen.
Aber das Paradies Gottes liegt auch in Brasilien nicht auf der Straße.
Des Schicksals Wege harren meiner viele,
sobald mein Bruder Gustav zurück ist von Seiner Majestät Landheer in Wesel,
wo er den Militärdienst als Hufschmied für die Dragoner verrichtet
im Dienste des preußischen Königs, der uns alle im Stich gelassen.
Auch um einem besseren Herren zu dienen, der Freiheit,
steht mein Entschluss fest,
noch vor Jahresfrist meine treulose Heimat,
die nur Knechtschaft für uns bereithält, zu verlassen
und das Traumland zu suchen, von dem in den Büchern berichtet wird.
Alle sind in der Kirche.
Aber schön, dass du wieder da bist, Gustav.
Tag, Großmutter.
- Ich bin so müde. - Ja, schlaf ruhig.
Du bist ja daheim.
Unkel!
Unkel!
- Unkel, der Gustav ist zurück. - Ja, ja. Jetzt ist es so weit.
Die Welt geht unter. Aber nicht bei mir.
So steht das schon im Testament meiner Schwester,
die dem Napoleon die Hand gedrückt und das Leichenhemd gehäkelt hat.
- Und der Hunger... - Ja. Hunger, den kennen wir.
Seit dem falschen Kaiser.
Aber uns Schabbacher konnte auch der Schwede nicht bezwingen.
Das ist 200 Jahre her.
Wenn die Welt untergeht, dann an einem Sonntag.
Wenn alle in der Kirche sind. Ganz sicher.
Unkel, hört mal zu. Der Gustav ist zurück.
Wenn alle in der Kirche sind.
- Und der Herrgott im Himmel guckt zu. - Ja.
Der hat niemand vergessen. Die müssen bezahlen.
- Er sitzt in der Küche. Die warten. - Jakob.
- Lässt dich dein Vater in Ruhe? - Kommt.
# Über die Berge Kommt die Republik, trara
Und das ganze Räuberpack
In den Schlössern und Châteaus
Das kriegt die Rechnung präsentiert
Dann müssen sie bezahlen
Da gibt's kein Pardon#
- Nimmst mich mit zu den Indianern? - Ja, ja.
- Bringst du mir Lesen bei? - Ja.
Dann lesen wir die Bücher, die ich verstecke.
Ja, versprochen.
# Über die Berge kommt die Republik
Und das ganze Räuberpack In den Schlössern und Châteaus
Kriegt dann die Rechnung präsentiert...#
Margotche, jetzt begrüß mal den Gustav.
Er war fast zwei Jahre bei den Soldaten.
Margotche!
Du Trampel! Luder! Hässliches Ding! Satansbraten!
Du dumme Dippe!
- Dich hat der Teufel gemacht. - Mit dem Klumpfuß da.
Der Leibhaftige ist dein Vater. Das haben wir immer gewusst.
- Mein Vater ist im Krieg geblieben. - Im Krieg beim Napoleon?
Da warst du noch Kässchmier im Wald.
Gut, dass du wieder da bist.
Jetzt wird alles anders.
Achtung! Jakob, mein Alter, hast du gut die Stellung gehalten?
- Groß bist du geworden. - Im Dorf nennen sie ihn "Indianer".
Mhm.
Wo ist denn das Lena?
Ist dem Lena etwas passiert?
Deine Schwester hat an die Mosel geheiratet.
Einen stattlichen Mann, ob evangelisch oder katholisch,
Hauptsache, anständig!
Sie wohnt in Wolf an der Mosel, ihr Mann ist der Winzer Zeitz.
Den kennst du nicht.
Den katholischen Bankert in ihrem Bauch wollen wir hier nicht haben.
- Ist es nicht so? - Du hast recht.
- Es gibt Kässchmier. - Falt deine Hände.
Aller Augen warten auf dich, o Herr. Du gibst Speise zur rechten Zeit.
Du öffnest die Hand und erfüllest alles, was da lebt, mit Segen. Amen.
"Im Glauben der Cayucachúa bringt es Unglück, hing-ti-túyu,
über weit Vergangenes oder noch nicht Geschehenes zu reden.
Wenn sie es jedoch tun, verwenden sie entweder keine Zeitangabe
oder die sogenannte Ahnenzeit.
Diese dürfen nur Indianer benutzen,
weil sie auch als Heilige Erzählzeit bezeichnet wird.
Zum Beispiel: 'Ort, an dem die Sonne aufgeht',
kla-kulo."
- Warte, Jettche. - Ja. Komm schon, Florinche.
Das ist ganz nass.
- Ich zeige dir das mal. - Warte. Warte.
Das ist recht, dass es nass ist. Komm.
Jettche, und das hilft? Schwörst du mir das?
Stein und Bein, Florinche. Ich hab's probiert.
Die Krätze war abends schon weg. Guck.
Wir müssen uns ausziehen und das Lied singen.
- Es ist kalt. - Das ist gerade recht.
Komm. Kannst du noch das Liedchen?
# Heut' geh'n wir gar nicht mehr
Gar nicht mehr heim
Bis die alt' Krätzebutze geh'n
Heut' geh'n wir gar nicht mehr heim
Eins, zwei, drei, Hexerei Die Krätz' ist bald vorbei#
Weißt du, was ich gedacht habe?
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