The first 163 lines.
Tief verborgen im schwarzen Wald …
stand ein einsames Giftpilzhaus,
in dem eine junge Hexe still und leise vor sich hinlebte.
Und mit „jung“ meine ich nur ihr Aussehen, denn als Hexe war sie viel älter als ein Mensch.
An diesem Ort hier lebte sie ganz allein und das schon
seit sie etwa halb so groß gewesen war.
Als Hobby versuchte sie sich seit einiger Zeit an der Herstellung von Medizin.
Und weil sie dabei so gut mit dem Wasserdampf zusammenarbeitete,
verfügte sie im Handumdrehen über große Mengen davon.
Dass die fertige Medizin gegen allerlei Krankheiten half und sie diese gewinnbringend
in der Stadt verkaufen konnte, war natürlich auch von Vorteil.
Gehen wir in die Stadt, Luna?
Ja.
Du kannst ruhig aufsteigen, Luna.
Auf dem Rückweg dann.
Aber mir macht das echt nichts aus. Das Gepäck ist gar nicht schwer.
Alle drei Monate …
Bis später!
packte sie die Medizin zusammen und machte sich auf in die Stadt.
Was machst du mit dem Geld für die Medizin? Kaufst du wieder Bücher?
Ja.
Also ich hätte ja gern eine warme rote Weste.
Aber ich hab dir doch neulich erst eine gestrickt.
Ja schon, aber die kratzt und sticht so sehr, dass ich heulen könnte.
Eine Weste aus Samtziegenwolle soll so schön weich, flauschig
und einfach angenehm warm sein.
Das wird Merino nicht gefallen, dass du seine Wolle so kritisierst.
Mach ich doch gar nicht! Wir ergänzen uns gut.
Meine Haut ist nämlich so wie die Samtziegenwolle.
Darf ich dann kurz in das Westengeschäft, wenn wir in der Stadt sind?
Ich verzaubere die Merinoweste für dich. Dann fühlt sie sich wie Samtziege an.
Aber hast du Samtziegenwolle überhaupt schon mal angefasst?
Denn wenn du nicht weißt, wie sie sich anfühlt, kriegst du das richtige Tragegefühl nie hin.
Darum müssen wir ja in das Westengeschäft. Um sie anzufassen!
Weil die Dinge, die sie berührte und die Wege, die sie zurücklegte,
oft von seltsam sprießenden Giftpilzen begleitet wurden,
hatten die Stadtbewohner der Hexe einen Namen verpasst.
Sie nannten sie „Champignonhexe“.
Folge 1:
Luna, die Schwarze Hexe
Ob sie dich die Westen anfassen lassen?
Sehr unwahrscheinlich.
Weil dann sonst diese Pilze wachsen?
Finger weg!
Halt dich von den Giftpilzen dieser Schwarzen Hexe fern!
Du brauchst sie nur zu berühren und deine Haut entzündet sich!
Manche sind auch gestorben, weil sie sie gegessen haben.
Schau dir die komischen Gase an, die da rauskommen!
Das sind bestimmt Giftgase!
Nein, das sind ihre Sporen.
Ah! Da ist der Westenhändler!
Die Hexe mochte die Stadt nicht besonders.
Ich mach dir die Weste so, dass sie sich gut anfühlt.
Wusste ich’s doch! Aus dem Mund und der Haut der Schwarzen Hexe kommen Giftgase!
Wer ihr zu nahe kommt, stirbt!
Doch noch weniger mochte sie Orte, an denen sich Menschen versammelten.
Traurig war sie darüber eigentlich nicht,
denn so hatte sie sich immer schon gefühlt.
An ihrem Körper konnte sie nichts ändern.
Oh, du bist es.
Du kommst genau richtig, weißt du? Ich hab nämlich kein Haarwuchsmittel mehr.
Mir wurde berichtet, es soll Wunder wirken. Kannst du mir bald noch mehr davon bringen?
Und dann brauch ich noch ein Mittel gegen Rückenschmerzen.
Im Gegensatz zu den anderen Stadtbewohnern
war der Apotheker der Hexe vergleichsweise wohlgesinnt.
Er schätzte ihre Fähigkeiten bei der Medizinherstellung
und wusste einigermaßen über Schwarze Hexen Bescheid.
Doch behielt er stets sein Kräutertuch umgebunden, wenn er in ihrer Nähe war.
Oh! Bring mir bitte auch die Pilze, die da sprießen.
Damit musste sie sich abfinden.
Die Hexe liebte den Buchladen.
Oh! Herzlich willkommen.
Der Buchhändler entstammte der Verbindung eines Menschen mit einem Naturgeist,
er konnte die Situation der Hexe also durchaus nachvollziehen.
Ich dachte mir schon, dass du vorbeikommst. Die Stadt ist in hellem Aufruhr.
Die Stadtbewohner reagierten nervös auf Andersartige und Fremde,
weshalb er es vorzog, in menschlicher Gestalt zu leben.
Hm? Was ist denn?
Ach, siehst du schon wieder mein wahres Gesicht? Hör schon auf.
Nicht, dass du dich noch in mich verliebst.
Warum sind so viele Naturgeister eigentlich solche Sprücheklopfer?
Ich freu mich jedenfalls, dass du da bist.
Es ist so lange her seit deinem letzten Besuch.
Die Stimmung in der Stadt ist mittlerweile so trüb, dass man vom Rausgehen depressiv wird.
Aber dank dir, werte Hexe, kann ich mich endlich wieder raustrauen.
Du hast das Gift der Stadt für mich absorbiert, nicht wahr?
Wie immer vielen Dank dafür.
Mannomann …
Wie du auf die Verschmutzung reagierst und Pilze sprießen lässt, die das Gift zerlegen …
Das ist schon beeindruckend.
Aber es muss auch anstrengend sein, dass du selbst genauso giftig bist wie die Pilze.
U-Und es war auch ein Problem, als die Pilze wie wild auf der Kreuzung gewachsen sind.
Ah … Ach das …
Dort gab es letzte Woche eine öffentliche Hinrichtung.
Vermutlich war der Platz vom Groll des Sünders und dem Hass der Schaulustigen durchtränkt.
Die schlechten Gefühle haben sich in Gift verwandelt und jene Reaktion ausgelöst.
Der Buchhändler sprach es zwar nicht aus,
aber die öffentliche Hinrichtung stand wohl im Zusammenhang mit einer Hexenverfolgung.
Wahrscheinlich wurde irgendjemand, den die Hexe vielleicht kannte,
aufgrund falscher Anschuldigungen umgebracht.
Das Reich war zwar nicht besonders groß,
aber seine bisherige Entwicklung hatte es den Kräften von Magiern zu verdanken.
Um ihre Kräfte für sich zu nutzen,
setzte die Königsfamilie seit Generationen eine mächtige Weiße Hexe als Königin ein.
Und so betrachteten sie all jene, die ihnen gehorchten, als Weiße Hexen und Magier
und jene, die sich widersetzten,
als Schwarze Hexen und Magier und begannen eine „Schwarze Hexenjagd“ auf diese.
Ach ja!
Ich hab gestern ein paar gute Bücher reinbekommen.
Da sind sicher ein paar dabei, die ganz nach deinem Geschmack sind.
Auch wenn die Hexe es nicht leicht hatte im Leben,
dass ihr auf diese Weise Medizin abgekauft
und ihr so tolle Bücher verkauft wurden,
machte ihr die Menschenwelt doch gleich etwas weniger fremd.
6 Pigou willst du mir zahlen? Das geht in Ordnung.
Oh! Es sind Pilze gewachsen!
Geld ist nun mal von schlechten Absichten durchdrungen.
Ach ja, ich hätte da noch eine Bitte, werte Hexe.
Ich habe da ein seltsames Buch entgegengenommen.
Ihm scheint ein starker Fluch anzuhaften
und wie mir gesagt wurde, sollen bereits einige Leute nach der Lektüre gestorben sein.
Ich traue mich nicht einmal, es anzufassen.
Ah! Vorsicht, werte Hexe!
Es ist vorbei.
Das Buch ist jetzt nicht mehr gefährlich.
D-Danke.
Es schmeckt nach einem Fluch, der um die 150 Leute auf dem Gewissen hat.
Ein Geschmack, den ich niemals kennenlernen will …
Du bist echt wahnsinnig stark. Tausend Dank!
Und auch wenn er das durchaus so meinte,
hatte er doch gleich, als sie den Laden betrat, eine Räucherkerze entzündet
und sie die ganze Zeit brennen lassen.
Ach ja! Zum Dank gebe ich dir dieses Buch mit. Wenn es dir gefällt,
kannst du es behalten.
Bis dann.
Ja. Bis zum nächsten Mal!
Schon als sie früher einmal hier gewesen war,
hatte sie hinterher mitbekommen,
dass der Buchhändler alle Flächen, die sie berührt hatte, mit Aschenlauge abwischte.
Doch weil sie ihm zugutehielt, dass er sich vor ihr zusammengerissen hatte
und sie ihm dankbar war, dass er sie überhaupt in seinen Laden ließ,
machte sie sich nichts daraus.
Sie nahm es mit Gelassenheit.
Wie wunderbar!
Luna?
Endlich wird die Medizin wieder verkauft!
Damit kann ich meine bettlägerige Mutter heilen!
Wie gern würde ich dem Macher dieser Medizin mal persönlich danken!
Und wie toll, dass auch wir einfachen Leute sie uns leisten können!
Die Stadt mochte voller unangenehmer Dinge sein,
aber es gab auch Momente wie diese, in denen es sich lohnte,
in die Stadt gekommen zu sein.
Wie schön. Mit der Medizin wird mein Kind wieder munter.
Wer wohl für die Medizin verantwortlich ist?
Allein in ihrem Waldhaus wäre ihr ein solcher Moment niemals begegnet.
Er war die Belohnung dafür, dass sie den Mut hatte, einen Schritt in die Außenwelt zu tun.
Wenn sie wüssten, dass die Medizin von dir ist, Luna,
dann würden sie diese Leute wohl nicht mehr kaufen.
Aber wenn es dich glücklich macht, dann sag es ihnen ruhig.
Und so waren selbst die Strapazen des langen Tags in der Stadt mit einem Mal wie weggeblasen.
Für die Hexe war es ein magischer Moment, der größer war als all ihre Zauber.
Medizin, die Beine wachsen lässt?!
So was kann ich nicht gebrauchen.
No comments yet. Be the first to leave one.