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DAS GEHEIMNIS DES MARCELINO
Das hier ist mein Dorf, das ich liebe.
Seine Häuser sind so einfach wie seine Menschen.
Ich liebe sie in ihren Freuden, in ihren Schmerzen.
Heute sind sie glücklich, denn es ist der Tag der großen Wallfahrt.
Sie gilt im Gedenken an Verlorenes und an Menschen,
deren Erinnerung in ihren Herzen weiterlebt.
Alles zieht hinauf zum Kloster.
Nur ein Mönch geht einen gegengesetzten Weg.
Guten Tag, Pater!
Guten Tag, Pater!
Guten Tag, Pater!
Guten Tag, Pater!
Wir fahren hinauf zum Kloster.
- Und ich will hinunter ins Dorf. - Im Dorf ist niemand.
Segnet mein Kind, Vater.
Es ist erst 15 Tage alt.
- Ach, Sie sind es, Pater! - Ja, guten Morgen.
- Wie geht es der Kleinen heute? - Ach, immer gleich.
Es ist der Pater!
Sie kommen sogar heute, Pater, am Tag des Festes?
Ich feiere das Fest hier.
- Ich wollte zu Ihrem Töchterchen. - Bitte, Pater, gehen Sie nur hinein.
Du siehst aber heute schon viel besser aus.
Sie sind alle weggegangen.
Ja, mein Kind, weil heute das Fest... Sag mir mal,
weißt du, was heute gefeiert wird? - Ja, das weiß ich: Marcelino.
Bleib hier, Nicolas.
Weißt du denn, wer Marcelino war?
Aber du weißt es.
Ich hab's vergessen, Pater.
Sicher war's ein Heiliger.
Tja, ich bin gekommen, um es ihr zu erzählen.
Muss das gerade heute sein? Ist das so wichtig, Pater?
Ja, ich denke schon.
Ist es ein Märchen?
Ja, für dich ist es ein schönes Märchen.
Aber für deine Eltern ist es wahr.
Du musst es doch kennen, Nicolas. Du bist doch hier geboren.
Hat es dir denn dein Vater nicht erzählt?
Ja, und mein Großvater. Ich hab's nur vergessen.
Dann will ich's euch erzählen.
Du weißt es nicht, aber unser Land hier, das Dorf, in dem du geboren wurdest,
das Haus, in dem du jetzt wohnst,
ist früher einmal von feindlichen Truppen besetzt gewesen.
Und oben auf dem Berg,
wo sie jetzt alle sind, da, wo das Kloster steht,
dorthin flüchteten sich die letzten Feinde, als sie von uns besiegt waren.
Aber selbst auf der Flucht richteten sie noch viel Schaden an.
Sie brannten Häuser und Scheunen nieder.
Da standen die Bauern auf, um ihr Hab und Gut zu verteidigen.
Sie verjagten die Feinde.
Zurück blieben Trümmer und Ruinen.
Aber sie waren wieder frei und glücklich.
Die Felder trugen wieder von Neuem reiche Ernte.
Die Wunden der versenkten Bäume vernarbten.
Und aus Schutt und Asche entstanden neue Häuser und Dörfer.
Nur eine Ruine blieb.
Die des großen Herrenhauses auf dem Berg.
Sein letzter Besitzer, Don Alvares,
war ohne Erben gestorben und hatte seinen Grund und Boden
der Gemeinde vermacht.
Das Dorf aber hatte weder Mittel noch Zeit,
das abgelegene, völlig zerstörte Gebäude wieder aufzubauen.
Einige Jahre später kamen drei Franziskanermönche zum Gemeinderat
und stellten ein Gesuch an den Bürgermeister.
Wir sind vorläufig nur drei, aber wenn wir mit Eurer gütigen Erlaubnis
ein Kloster errichten dürfen, sind wir bald mehr.
Es könnte doch sein, dass unser Werk vielleicht auch
Eurer Gemeinde nutzen bringen wird.
Und mit welcher Unterstützung rechnet Ihr?
Mit dem Beistand Gottes und unserer Hände Arbeit.
Ich erteile Euch die Genehmigung.
Ihr könnt der Gemeinde eine große Hilfe sein.
Darüber hat der Rat zu entscheiden.
Hier gilt mein Wort!
In dieser Ruine verlor ich meinen Vater.
Und ich habe selbst neun Stunden lang um sie gekämpft.
Wer gehört schon zum Gemeinderat?
Er ist der Hufschmied.
Und darum behandelt er die Menschen wie Pferde.
Pascual soll Euch jetzt zu mir nach Hause begleiten.
Er wird dafür sorgen, dass Ihr die nötigen Werkzeuge bekommt
und etwas zu essen.
Und in ein paar Tagen, da komm ich selbst vorbei
und seh einmal nach dem Rechten. - Gott vergelt's Euch!
Das alte Spanien wird wieder von Spaniern regiert.
Ihr kommt gerade zur rechten Zeit, um mitzuhelfen,
dass wir bessere Menschen werden.
Gehst du jetzt!
Noch einmal.
Was soll denn das dumme Lachen?
- Wollt ihr etwas? Ja oder nein? - Ja. Helfen.
Du, sieh dir mal an, wie weit die schon sind!
- Was habt ihr denn? - Gar nichts, mit Verlaub.
Macht weiter!
Das habt ihr gut gemacht.
Die Arbeit war sehr schwer.
Aber mit vereinten Kräften...
So, vereinte Kräfte?
Ja, mit vereinten Kräften.
Die Jahre vergingen
und noch andere Mönche hatten sich eingefunden.
Jetzt waren es zwölf.
Ihre Arbeit und die Hingabe, mit der sie sich ihr widmeten,
hatten ihr Kloster nicht nur zu einem wirklichen Nutzen
für die Gemeinde werden lassen,
sondern es auch schön gemacht.
An einem Morgen, der nicht anders war als vergangene oder kommende,
erlebte Bruder Pförtner eine große Überraschung.
Ein Junge! Es ist ein Junge.
Sie haben uns ein Kind vor das Tor gelegt!
Einen kleinen Jungen!
Einen hübschen Jungen!
Er ist noch ganz winzig.
Erst ein paar Tage alt!
Als ich ihn aufgehoben habe, da fing er plötzlich zu weinen an.
Was gibt es denn?
Allmächtiger Herr und Gott!
Wo kommt das Kind wohl her?
Das Kind fing an zu weinen, als Ihr es aufgehoben habt, Bruder?
- Ja, warum denn? - Ich weiß nicht.
Was machen wir nur mit dem kleinen Jungen?
Was für ein hübsches Kind.
Ihr dürft ihn nicht anfassen.
Du hast wohl Durst.
- Was geben wir ihm denn? - Vielleicht ein bisschen Wasser.
Dürfen wir ihn nicht bei uns behalten, Vater?
Hier ist das Wasser.
Wie durstig er ist.
Liebe Brüder, ich bitte Euch. Wir dürfen uns nicht an das kleine Wesen gewöhnen.
Wir können nichts, oder fast nichts, für das arme Kind tun.
Aber etwas könnten wir für ihn tun,
nur mit Eurer gütigen Erlaubnis, Vater.
Wir wollen ihn christlich taufen und ihm einen Namen geben.
Gehen wir.
Und welchen Namen geben wir ihm?
Ich würde vorschlagen, dass wir Ihn auf den Namen des Tagesheiligen taufen.
Ja, bitte.
Heute ist St. Marcelino.
Und wer steht Pate? Bruder Franziskus?
Marcelino,
ego te baptiso
in nomine patris
et filii et spiritu sancti.
Hört zu, Brüder.
Es ist sehr spät geworden. Die Sonne steht im Mittag.
Ich glaube, es wäre gut, wenn diejenigen von euch,
die jetzt in die Dörfer gehen,
sich ganz vorsichtig erkundigen würden.
Fragt zum Ersten,
ob irgendwo ein neugeborenes Kind vermisst wird.
Oder ob man in einem der Dörfer darüber gesprochen hat.
Zum Zweiten:
Ob irgendwo eine Mutter in Schande oder Unglück gefallen ist,
der wir Brüder vielleicht helfen können, wenn sie's zurücknimmt.
Ich erwarte abends Euren Bericht.
Wo sind die Löffel?
In der Küche.
- Sind die Löffel hier? - Die sind im Esszimmer.
Irgendwo müssen die Löffel doch sein...
Wo ist denn Bruder Tomas?
- Er schläft... - Die ganze Nacht...
Gut.
Dann bereiten wir halt vor.
- Was fehlt noch? - Die Löffel.
Hier sind die Löffel!
Das war keine Absicht, Vater.
Er kann nicht richtig weinen, er ist krank.
- Aber warum sollte er denn krank sein? - Weil er weint.
Wenn ein Kind weint, dann weil ihm etwas weh tut.
Und wenn ihm etwas weh tut, dann weil es krank ist.
Wenn es krank ist, weint es.
Er weint, also ist er krank.
Pater!
Guten Abend, Pater.
Meine Frau hat zu mir gesagt: "Wenn du am Kloster vorbeikommst,
dann gib das den Mönchen für ihr Kleines.”
Dankeschön! Dankeschön, im Namen unseres Kindes.
Gott vergelt's Euch und Eurer Frau.
- Alles Gute, Pater. - Euch auch.
Nicht doch so fest wickeln.
Ich weiß schon, was ihm gut tut.
- Seht doch, jetzt lacht er! - Ja, jetzt lacht er.
Aber wehe, wenn ich einen Augenblick aufhöre!
Ich glaube, Vater, auch wenn wir uns weiter erkundigen werden,
so wie Ihr es angeordnet habt,
erfahren werden wir gar nichts.
Jedenfalls kann ich nur berichten,
dass in den Dörfern, wo ich gewesen bin, kein Kind fehlt.
Wisst Ihr was Neues?
Ja, Vater.
Wollt ihr uns jetzt alleinlassen, Brüder.
Das Kind ist ja noch bei uns.
Vorläufig hat es noch niemand geholt.
Brüder!
Es steht fest, dass Marcelino keine Eltern mehr hat.
Sie werden wohl bei Gott im Himmel sein.
- Das ist aber schön. - Was, dass sie im Himmel sind?
Ja, das wollte ich sagen.
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