The first 200 lines.
Als ich klein war,
gingen wir oft zu einer Bucht unter den Felsen
namens Hope Gap.
Bei Ebbe erschienen kleine Gezeitentümpel.
Und darin waren winzige Meerestiere.
Meine Mutter sass auf den Steinen
und wartete, während ich alles erkundete.
Ich fragte mich nie, worüber sie nachdachte.
Oder ob sie glücklich war.
Das tut man als Kind nicht.
Ein einsamer, entzückter Drang, Gary?
Wie bitte? Du bist es, Grace.
Ist aus einem Gedicht. Von W. B. Yeats.
Du hast es mit der Poesie.
„Zum Kampf bestimmte mich nicht Zwang,
nicht Politik, nicht Massenkult.
Ein einsamer, entzückter Drang
riss mich in diesen Lufttumult.“
Mist!
„Erwogen hab ich alles sehr:
Vergeudung schien die Zeit bisher,
Vergeudung, was die Zukunft bot,
gegen dieses Leben, diesen Tod.“
-Hattest du einen schönen Tag? -Das Übliche.
„Wie war dein Tag, Grace?“
Was? Ach, ja.
Ich bin bis Hope Gap gelaufen, wie früher.
Das hatte ich ewig nicht getan.
Weisst du noch, wie sehr Jamie es dort mochte?
Ja, natürlich.
Manchmal vermisse ich ihn so sehr.
Hast du mir auch Tee gemacht?
-Ich dachte, du hast welchen. -Er ist kalt.
Warum trinkst du immer nur die Hälfte?
Das frage ich mich auch.
Ich mag es nicht, wenn Dinge zu Ende gehen.
-Du bringst nichts zu Ende. -Ach ja?
-Und du schon? -In gewissem Mass.
Kann man etwas in gewissem Mass zu Ende bringen?
Wohl eher nicht.
Jamie war seit Monaten nicht mehr zu Hause.
Er führt sein eigenes Leben.
Ja, aber warum schliesst es uns nicht ein?
-Bist du am „Wikipedieren“? -Ja.
Das bringst du auch nie zu Ende.
Man kann Wikipedia nicht zu Ende bringen.
Napoleon marschierte mit 450.000 Mann
über die Memel.
Weniger als 20.000 kamen zurück.
Erstaunlich viele Offiziere führten Tagebuch.
Über 150 davon sind noch erhalten.
Das ist erstaunlich
angesichts der Bedingungen beim Rückzug.
„Brachen Männer in der extremen Kälte zusammen,
rissen ihnen die eigenen Kameraden
die Kleider vom Leib
und liessen sie nackt im Schnee zurück,
noch am Leben.“
Es war eine Art Überlebensstrategie.
In höchster Not kann der Mensch grausam werden.
Ist das falsch? Kann man es ihnen vorwerfen?
Hätten wir uns besser verhalten?
Robbie?
Ich hätte sie nicht entkleidet.
Du hättest sie bekleidet sterben lassen?
-Ja. -Aus Mitgefühl oder Anstand?
Es ist schwer, jemanden auszuziehen.
Das stimmt.
Es ist eine Weile her, und ich dachte...
Danke, Jamie. Und du bekommst es wirklich hin?
Ich sage es Grace. Sie wird sich freuen.
Irgendwann Samstagnachmittag.
Wenn Männer wegen Verletzungen
oder Erfrierungen gehunfähig wurden,
wurden sie auf den Gepäckwagen transportiert.
Dadurch wurden diese langsamer,
und es wurde unwahrscheinlicher,
dass sie es nach Smolensk schaffen würden.
Die Fahrer wählten deshalb stark zerfurchte Wege
und fuhren darauf so schnell,
dass die Verwundeten vom Wagen fielen,
ohne dass es jemand bemerkte.
Zurückgelassen auf der Strasse erfroren sie.
Das galt als Unfall.
Niemand blickte zurück.
Niemand blickte zurück.
„Ich war schon hier zuvor.“
Was hast du gesagt?
So sollte ich meine Gedichtsammlung nennen.
Es geht darum, dass alles schon einmal
von jemandem durchlebt
und in Worte gefasst wurde.
Die erste Zeile eines Gedichts von Rossetti.
Was?
„Ich war schon hier zuvor.“
Jamie kommt am Wochenende.
Jamie kommt?
Irgendwann Samstagnachmittag.
Woher weisst du das?
Wir haben telefoniert.
Er rief dich an? Warum?
-Um zu sagen, dass er kommt. -Warum dich?
Ich weiss nicht. Das tut er manchmal.
Tatsächlich?
Wann war er das letzte Mal zu Hause? Im April?
Er muss sein eigenes Leben führen.
Hi, hier ist Callie.
Ich bin gerade nicht erreichbar,
rufe aber schnellstmöglich zurück.
Hi, Callie. Hier ist Jamie.
Ich bin übers Wochenende weg,
aber Sonntag um 18 Uhr wieder zurück.
Wenn du Zeit hast, wäre es schön, dich zu sehen.
Tschüss.
„Hallo, Fremder.“ „Hallo, Mum.“
-Hallo, Fremder. -Hallo, Mum.
-Jamie... -Dad.
Danke fürs Kommen. Wie war die Fahrt?
Ganz gut. Ich nahm den Zug um 15:46 Uhr.
-Er ist verspätet. -Umsteigen war knapp.
Auf die Bahn ist kein Verlass mehr.
Ich bringe meine Sachen hoch.
Glaubst du, er ist glücklich?
Er ist glücklich in seiner Wohnung.
Meinst du? Ganz allein?
Nun ja. Aber er kann leben, wie er möchte.
Es gibt kaum etwas abzuspülen.
Man benutzt einen Teller, spült ihn, und fertig.
Die Milch geht nie aus, da man nur selbst trinkt
und immer weiss, wie viel noch da ist.
Das sind kleine, aber nicht unwesentliche Dinge.
-Beneidest du ihn etwa? -Nein.
Ich glaube, das ist für niemanden gut.
Sich in einem Loch verkriechen,
und alles bleibt immer gleich.
-Jamie, brauchst du noch lange? -Nein.
Nehmen wir zur Feier des Tages Kerzen.
Ja, warum nicht?
Nächste Woche sind wir 29 Jahre verheiratet.
Ja, stimmt.
Schwebt dir etwas vor?
Was meinst du?
Gehen wir essen?
Wenn du das möchtest.
Nein.
-Nicht? -Nein.
-Dann gehen wir nicht aus. -Verdammt, Edward.
Was habe ich gesagt?
Ich frage dich, ob wir essen gehen.
Du fragst, ob ich es will, und ich sage Nein.
Und du sagst, dann gehen wir nicht.
Aber ich will an unserem Hochzeitstag ausgehen.
-Warum frage ich wohl? -Du sagtest Nein.
Ich will nicht ausgehen, weil ich es will.
Ich will ausgehen, weil du es willst.
-Also, willst du? -Ja.
-Reservierst du einen Tisch? -Ja.
Nicht das schlimme Restaurant von letztem Jahr.
Vielleicht solltest du die Reservierung machen.
Muss ich alles selbst machen?
Kommst du morgen früh mit in die Kirche?
Mum, du weisst, ich gehe nicht mehr.
Warum nicht? Glaubst du nicht mehr an Gott?
-So ungefähr. -Warum nicht?
Weil es so viel Leid auf der Welt gibt?
Das spielt eine Rolle.
Verstehst du nicht,
dass es genau deshalb einen Gott geben muss?
Gäbe es nur diese Welt, wie wär das auszuhalten?
Erklär ihm, warum Gott so viel Leid zulässt.
Es hat mit...
freiem Willen zu tun, aber Jamie weiss das.
-Nein, erklär es. -Ich kenne die Argumentation.
Würdest du es verstehen, wärst du gläubig.
Ich finde, die Welt ist ein beängstigender Ort,
an dem ungerechte Dinge passieren.
Nichts davon ergibt Sinn.
Und am Ende verschwinden wir alle.
Wir ertragen das nicht und erfinden einen Gott,
um uns sagen zu können, am Ende werde alles gut.
Das ist in Ordnung,
nur halte ich es nicht für wahr.
Du täuschst dich.
-Sag es ihm, Edward. -Was?
Dass Gott existiert.
Das kann man den Leuten nicht sagen.
Gott ist keine Mitteilung,
Gott ist eine Überzeugung.
Es ist wie mit der Liebe.
Man teilt sie nicht mit, man spürt sie.
Du hast recht.
Genau so ist es.
-Kaffee? -Ja, bitte.
Ich will nicht, dass du unglücklich bist.
Bin ich nicht. Es ist alles okay.
Du bist ganz allein.
Es ist alles gut, Mum, okay?
Das ist nicht dasselbe wie „glücklich“.
Wer ist schon glücklich? Gut ist... gut.
Wir sind glücklich. Nicht wahr, Edward?
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