The first 200 lines.
Frederik, es regnet.
Es geht nichts über das Plätschern des Regens auf dem Dach.
-Oma? -Ich komme.
Ich komme.
Und?
Du siehst gut aus, Mama.
Du siehst wirklich ganz toll aus.
Es ist so voll.
Ja. Bitte.
Frederik war kein gewöhnlicher Mensch. Er gehörte nicht zum Durchschnitt.
Er war jemand Einzigartiges und Außergewöhnliches.
Nicht viele werden wissen, dass Frederik Talent zum Zeichnen hatte.
Und dass er in jungen Jahren
einen Doktortitel an der Universität Löwen erwarb.
Aber er wollte mehr als eine akademische Laufbahn. Viel mehr.
Und wir alle wissen, was er erreicht hat.
Ich habe viel von Frederik gelernt.
Wie man ein Unternehmen leitet,
wie man ein Geschäft führt, wie man mit Angestellten umgeht.
Aber allem voran werden mir zweifellos unsere monatlichen Abendessen
in Erinnerung bleiben.
Er wählte immer das Beefsteak Tartar.
Aber trotzdem ließ er sich im Restaurant jedes Mal aufs Neue die Karte geben,
las sie sich durch und tat so, als müsste er es lange überlegen,
bevor er sagte: "Für mich das Beefsteak Tartar, bitte."
Einmal habe ich ihn gefragt, warum er immer die Karte sehen will,
wenn er doch schon wüsste, was er nimmt.
Er hat geantwortet:
"Werner, man sollte immer alles mit der Verwunderung des ersten Mals tun."
Und als sein Nachfolger werde ich diese Philosophie fortsetzen.
Liebe Emma, du hast viel auf ihn verzichten müssen.
Die ständigen Kongresse, Tagungen und Reisen.
Aber du weißt am allerbesten, liebe Emma, wie wichtig du in seinem Leben warst.
Und was du für ihn bedeutet hast.
-Wofür ist das? -Damit du morgen etwas zu essen hast.
-Leg dich hin, Mama. Du bist müde. -Wir sind alle müde.
-Ich soll ganz sicher nicht bleiben? -Geh nach Hause, Schatz.
-Bis morgen, Mama. -Tschüss, Schatz.
Alles okay, Mama?
Schlaf gut.
Okay, bereit?
Ich habe keine Lust.
Das kommt schon.
Willst du auf dein Zimmer?
-Versuch es noch mal. Du schaffst es. -Ich sagte, ich habe keine Lust.
Bald werde ich bettlägerig sein.
Nicht mal mehr dein Gesicht werde ich erkennen.
-Karel, ich verstehe… -Nichts verstehst du.
TIEFSTES BEILEID
WILL DICH SEHEN
WARUM?
WO?
AM SELBEN ORT WIE VOR 50 JAHREN
53 JAHREN, 3 MONATEN UND 6 TAGEN
Und jetzt, ja.
-Ja. Achtung! -Mist.
Ich werde es nie lernen.
-Die Lücke ist viel zu klein. -Ich habe gesagt, du musst mehr einlenken.
-Mein Fahrlehrer hat es mir so gezeigt. -Dann üb doch mit ihm.
Oma, sei nicht so.
Ich ziehe mir einen Minirock an. Das ist effektiver.
So fällst du durch, weil sie dich wiedersehen wollen.
Lass uns einfach später weitermachen. Nimm die Schlüssel mit.
Er ist in Ordnung, vor allem, wenn wir unter Menschen sind,
aber manchmal, wenn wir allein sind…
-Bitte sehr. -Danke.
Na ja…
Manchmal ist es so, als hätten wir uns nichts zu sagen.
Komisch, oder?
Als hätte er kein Interesse an den Dingen, die mich interessieren.
Ist das Beefsteak Tartar?
Magst du ihn denn sehr?
-Auf einer Skala von eins bis zehn? -Zum Beispiel.
-Eine sechs. -Das ist gerade mal bestanden.
Dann eben eine sieben. Keine Ahnung.
-Hast du es mal angesprochen? -Nicht so richtig.
Ich werde noch dick von all den Liebesproblemen.
Da war so ein Mann bei der Beerdigung.
Vielleicht hast du ihn auch gesehen.
Er hat einen Dartpfeil auf den Sarg gelegt.
-War er ein Freund von Opa? -So in der Art.
Ich habe ihn über 50 Jahre nicht mehr gesehen.
Ist doch nett, dass er zu Beerdigung gekommen ist.
-Er will mich sehen. -Warum?
Weiß nicht. Er hat mir auf Facebook geschrieben.
Auf Facebook? Ich wusste, dass du da bist, aber auf meine Posts reagierst du nie.
Wir haben uns…
…mal gut gekannt.
Ich weiß nicht, was ich tun soll.
Es würde dir guttun, über Opa zu reden.
Außerdem, ich hätte bestimmt Lust, meine Freunde in 100 Jahren zu sehen.
Du weißt, was ich meine. Ist spannend, was aus ihnen geworden ist.
Da ist er schon.
-Was zum Teufel? -Ist das Björn?
Er wirkt eher wie ein brunftiger Bison.
-Nun geh schon. -Tschüss.
Tschüss.
-Hier, iss ihn auf. -Ja.
SELTSAME SEELEN VON GERARD VERFAILLIE
OPALKÜSTE, AUGUST 1966
INNIGSTE GRÜSSE AUS DER FERNE GERARD
Hallo? Ja?
Hi.
Komm rein. Schön, dich wiederzusehen.
Geht es dir gut?
Ich würde gern sagen,
dass uns der Tod deines Mannes wirklich sehr leidtut.
Und ich spreche im Namen aller, wenn ich sage,
dass wir für dich da sind, wenn du etwas brauchst.
-Tut mir leid, dass ich zu spät bin. -Keine Sorge.
Du kommst rechtzeitig zu Harrys Vortrag. Nimm doch Platz. Okay.
-Harry? Bereit? -Ja, ich bin bereit.
Dann leg mal los mit deinem Vortrag.
Gerade rechtzeitig.
Du wolltest Harrys Würmer nicht verpassen, oder?
Nein.
In meinem Vortrag geht es um eines meiner Hobbys,
nämlich das Nachtangeln.
Doch zunächst einmal würde ich euch gern
diese wunderschönen Maden zeigen.
WO WARST DU?
ES TUT MIR LEID
MORGEN NEUER VERSUCH?
Mein Beileid.
Es fängt an zu regnen.
-Sollen wir uns unterstellen? -Ja.
Lass uns unter das Vordach.
-Was ist denn so lustig? -Ich weiß nicht. Ich muss über uns lachen.
Sehen wir so albern aus?
Es geht nichts über das Plätschern des Regens auf dem Dach.
-Döner Kebab. Schon mal einen gegessen? -Nein.
Da drin ist es wenigstens trocken.
Ich habe es in der Zeitung gelesen.
Du solltest dich schämen, mit deinem Dartpfeil.
Es war mein Abschied. Wir haben immer Darts gespielt.
Das weißt ich doch.
Ich habe ihn zu Hause sofort weggeworfen.
Und dann die Nachricht auf Facebook.
Tja. Zugegeben, es war vielleicht etwas unhöflich.
Drei Worte.
"Will dich sehen." Nicht mal dein Name drunter.
-Ich dachte… -Das ist nicht unhöflich, das ist…
-Unbeholfen, vielleicht? -Gestört trifft es besser.
Ich habe bestimmt zehnmal angefangen.
Langer Brief? Kurzer Brief? "Liebe Frau", "sehr geehrte Frau"?
"Liebste Emma"?
-Was sagt man nach all den Jahren? -Nicht viel, wie es scheint.
Ich habe mir das ganz anders vorgestellt.
Die Dinge passieren oft nicht so, wie man sie sich vorstellt.
In deinem Alter weiß man das.
Er war mein bester Freund.
Ich hätte nicht kommen sollen.
-Habe ich was Falsches gesagt? -Das hier war ein Fehler.
Tut mir leid, Gerard.
Es ist besser, wenn wir uns nicht mehr sehen.
Mama?
-Was ist denn mit dir passiert? -Ich war in der Stadt.
Bei diesem Wetter?
-Allein? -Natürlich allein.
-Ich werde verrückt hier. -Frag mich doch, ob ich mitkomme.
-Zu zweit macht es auch mehr Spaß. -Ja.
Hier, Mama.
-Ich habe meine Brille nicht auf. -Es ist in großer Schrift.
-"Tanzclub Parasol". -Das hat dir doch immer Spaß gemacht.
-Mit Papa. -Dein Vater und ich haben nie getanzt.
-Da lernst du neue Leute kennen. -Ich kenne genug Leute.
Außerdem habe ich gar keine Zeit. Ich muss üben mit Evelien.
Mama, du weißt, warum sie das macht, oder?
-Damit du ab und zu mal rauskommst. -Das ist nichts für mich.
Gut, dann bleib halt zu Hause und unterhalte dich mit niemandem.
Und wenn du in die Stadt gehen willst, ruf niemanden an, geh einfach allein.
Jetzt setz dich bitte.
Ich gehe in die Garage und sehe ihn auf dem Boden liegend neben seinem Fahrrad.
Ich mache mir ein Käsebrot und denke, dass er Schinken lieber mag.
Ich öffne den Kühlschrank und sehe die Chilisoße für seine Suppe.
Was ich auch tue oder lasse, ich denke unentwegt an ihn.
Als wüsste ich nicht, wer ich ohne ihn bin.
Was hast du denn gedacht, Mama? Das dauert seine Zeit.
Ja.
Manchmal frage ich mich, ob es das alles noch wert ist.
Was sagst du denn da?
Nun komm, iss was.
Werner hat angerufen. Wegen der Aktien.
Wäre es nicht besser, du wirst sie los? Was willst du noch damit?
Es war sein Lebenswerk.
Die Firma hat dich nie interessiert.
Sag deinem Werner, er soll die Papiere vorbereiten und sich bei mir melden.
Er ist nicht "mein" Werner.
Was machst du denn hier?
-Hast du mich erschreckt! -Ich weiß, das ist nicht üblich, aber…
-…darf ich kurz reinkommen? -Weißt du, wie spät es ist?
-Ich war schon im Bett. -Ich will mit dir sprechen.
Es dauert nicht…
Alles okay?
Ich sollte dich anzeigen wegen Hausfriedensbruch.
Ich dachte, ich riskiere es.
Mit Kieselsteinen werfen wie ein Teenager.
-Ein Romeo im fortgeschrittenen Alter. -Bist du dann meine Julia?
Du weißt, wie es mit den beiden endet, oder?
-Wieso hast du nicht einfach angerufen? -Das brennt.
No comments yet. Be the first to leave one.