TÁR

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Andreas Gründel / FFS-Subtitling GmbH

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Published on: 2023-06-08
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The first 200 lines.

Wann war sie heute Morgen wach? -War nicht dabei, S. war bei ihr

Unsere Kleine ist 'ne Frühaufsteherin, hm? -Ruhelos

Ha! Du meinst, sie hat ein Gewissen?

Vielleicht

Also liebst du sie noch

Da Sie hier sind, wissen Sie schon, wer sie ist.

Nämlich eine der wichtigsten musikalischen Größen unserer Zeit.

Lydia Tár ist vieles:

Pianistin mit Konzertexamen vom Curtis Institute.

"Phi Beta Kappa"-Mitglied in Harvard.

Sie hat einen Doktor in Musikwissenschaft von der Universität Wien,

spezialisiert auf die indigene Musik des Ucayali-Tals im Osten Perus,

wo sie fünf Jahre mit den Shipibo-Konibo lebte.

Ihre Karriere als Dirigentin begann Tár

mit dem Cleveland Orchestra, einem der "Big Five".

Es folgten weitere wichtige Stationen:

das Philadelphia Orchestra, das Chicago und das Boston Symphony Orchestra.

Bis sie dann hier landete, beim New York Philharmonic.

Mit Letzterem organisierte sie

die "Highway-Ten-Konzerte für Geflüchtete" in Zaatari,

denen über 75.000 Menschen beiwohnten.

Sie ist bekannt dafür, zeitgenössische Werke zu fördern,

etwa von Jennifer Higdon, Caroline Shaw, Julia Wolfe und Hildur Guðnadóttir.

Und sie legt Wert darauf, deren Werke

zusammen mit dem Standardrepertoire zu spielen.

Ihre Worte: "Diese Komponisten führen eine Unterhaltung.

Und die mag nicht immer ganz höflich sein."

Tár hat auch für Bühne und Leinwand komponiert.

Sie ist eine von nur 15 KünstlerInnen, die EGOT-Status besitzen

und alle vier wichtigen Preise der Unterhaltungsbranche gewonnen haben:

einen Emmy, einen Grammy, einen Oscar und einen Tony.

Wie Sie sich vorstellen können, eine kurze und schillernde Liste,

darunter Richard Rogers, Audrey Hepburn, Andrew Lloyd Webber und natürlich…

Mel Brooks.

2010 gründete sie, in Zusammenarbeit mit Eliot Kaplan,

das Accordion Conducting Fellowship.

Es fördert Vermarktungs- und Auftrittschancen für Dirigentinnen

und ermöglicht ihnen Gastdirigate bei großen Orchestern weltweit.

2013 wählten die Berliner Philharmoniker Tár zur Chefdirigentin,

als Nachfolgerin von Andris Davis,

und dort ist sie auch heute noch tätig.

Wie ihr Mentor Leonard Bernstein

hat Tár eine besondere Affinität zu Mahler,

dessen neun Sinfonien sie mit den "Big Five"-Orchestern aufnahm.

Jedoch gelang ihr nie der gesamte Zyklus mit ein und demselben Orchester.

Bis jetzt.

Mit den Berlinern hat sie acht Mahler-Sinfonien eingespielt.

Die große Fünfte steht noch aus.

Aufgrund der Pandemie musste das Konzert im letzten Jahr abgesagt werden.

Aber nächsten Monat wird eine Live-Aufnahme von Mahlers Fünfter

den Zyklus vollenden, der als Box-Set bei Deutsche Grammophon erscheinen wird,

rechtzeitig zu Mahlers Geburtstag.

Damit nicht genug, erscheint ihr neues Buch "TÁR über TÁR"

in der Edition Nan Talese bei Doubleday, rechtzeitig zu Weihnachten.

Perfekt für den Nikolausstrumpf, der müsste allerdings größer ausfallen.

Wir vom "New Yorker" freuen uns über Ihren Besuch, Maestro. - Danke, Adam.

Lydia, ich habe bemerkt, wie Sie kurz zusammengezuckt sind,

als ich Ihre Biografie vortrug.

Habe ich weitere große Erfolge vergessen?

Oder hat Sie das verlegen gemacht,

diese unglaubliche Vielfalt Ihres bisherigen Schaffens?

Nun ja, heutzutage ist "Vielfalt" ein Schimpfwort.

Unsere Zeit gehört den Spezialisten.

Beschäftigt man sich mit mehr als einer Sache, wird das oft missbilligt.

Künstler werden in Schubladen gesteckt. -Und wie!

Glauben Sie, der Moment wird kommen, wo die Klassikszene aufhört,

Künstler anhand des Geschlechts zu unterscheiden?

Für die Frage bin ich die falsche Person, da ich keine Kritiken lese.

Nie? -Nein.

Aber es ist seltsam, dass sich irgendwer dazu genötigt fühlt,

"Maestro" durch "Maestra" zu ersetzen.

Ich meine, weibliche Astronauten nennen wir doch auch nicht Astronetten.

Doch was Gender Bias angeht… kann ich mich wirklich nicht beschweren.

Ebenso wenig wie Marin Alsop,

JoAnn Falletta, Laurence Equilbey, Nathalie Stutzmann.

Es gibt so viele fantastische Frauen, die vor uns da waren

und die wirklich harte Arbeit leisteten.

Faszinierend. Können Sie… Wer zum Beispiel?

Okay, sicher. In erster Linie Nadia Boulanger.

Ich meine, das wäre das erfreuliche Beispiel.

Das traurige Beispiel wäre Antonia Brico, die als fantastische Dirigentin galt,

jedoch zur weniger glamourösen "Gastdirigentin" herabgestuft wurde.

Im Grunde war sie eine bloße Zirkusnummer.

Sie durfte nie ein renommiertes Orchester leiten? - Doch.

Sie dirigierte die Berliner Philharmoniker und an der Met.

Aber eben nur als Gastdirigentin.

Damals drehte sich wirklich alles nur ums Geschlecht.

Zum Glück hat sich was getan.

Paulus' Bekehrung ging zwar nur schleppend,

aber dennoch stetig voran.

Nun, da musste wohl erst noch jemand vom Pferd fallen.

Reden wir ein wenig über das Thema Übersetzung.

Es gibt immer noch Leute, die Dirigenten als menschliches Metronom sehen.

Also, das stimmt ja auch zum Teil. -Ja, aber…

Das Tempo zu halten, ist keine Kleinigkeit.

Aber es gehört mehr dazu. -Das will ich hoffen.

Doch Tempo ist das A und O. -Ja?

Das Tempo ist die Essenz der Interpretation.

Ohne mich kann es nicht losgehen. Ich starte die Uhr.

Meine linke Hand formt.

Aber meine rechte, die zweite Hand, gibt das Tempo vor, treibt es voran.

Doch anders als bei einer Uhr hält meine zweite Hand manchmal inne.

Was bedeutet, dass die Zeit stehen bleibt.

Die Illusion besteht darin,

dass ich wie Sie in Echtzeit auf das Orchester reagiere,

spontan entscheide, wann ich wieder einsteige, neu ansetze

oder das Tempo einfach mal über Bord werfe.

In Wirklichkeit weiß ich von Anfang an ganz genau, wie das Tempo auszusehen hat.

Ich weiß genau, in welchem Moment wir beide gemeinsam am Ziel ankommen.

Wissen Sie, die wahren Entdeckungen mache ich selbst nur in den Proben.

Nie bei einer Aufführung. -Schwierige Frage, ich weiß:

Müssten Sie eines benennen, das Bernstein Ihnen mitgegeben hat, was wäre das?

Kawwana.

Das hebräische Wort für "Achtsamkeit auf Bedeutung" oder "Intention".

Wie ergänzen sich die Prioritäten des Komponisten mit den eigenen?

Ja, Kawanna mag für viele im Publikum etwas anderes bedeuten.

Ja, das kann ich mir vorstellen.

Der Dirigent war nicht immer anwesend auf der Bühne in der klassischen Musik?

Stimmt.

Ich habe gelesen, dass die Erste Geige das lange übernommen hat.

Ja, ganz gleich, ob sie Interesse oder Talent dafür hatte.

Wann hat sich das geändert? Und durch wen?

Mit dem französischen Komponisten Jean-Baptiste Lully.

Der angeblich mit einem recht gewaltigen und recht spitzen Stab

die Tempi in den Boden drosch.

Nicht zur allgemeinen Freude der Musiker, nehme ich an.

Diese Technik hatte ein Ende, als Lully sich bei einem Konzert versehentlich…

mit dem Stab in den Fuß stach und starb. Ja, an Wundbrand.

Wie auch immer…

Ja… wie auch immer.

Aber Dirigenten wurden immens wichtig, als die Ensembles größer wurden.

Damit sind wir wieder einmal bei Beethoven.

Das beginnt nicht mit der Achtelnote.

Der erste Taktschlag… der ist stumm.

Jemand musste also die Uhr starten.

Jemand musste die Flagge in den Sand stoßen und rufen: "Folgt mir!"

Und wenn dieser Jemand Lenny war,

führte er das Orchester auf eine unfassbare Reise der Freuden.

Keiner kannte die Musik, besonders Mahler, so gut wie er, oder besser als er.

Und er spielte oft… mit der Form.

Das Orchester sollte das Gefühl haben,

als hätte es noch nie diese Musik gesehen, gehört oder gespielt.

Er war da ganz radikal, ignorierte beispielsweise das Tempo primo,

beendete eine Phrase molto ritardando, selbst wenn nirgendwo so notiert.

Hat er es übertrieben? -Oh nein, gar nicht. Er…

Er feierte die Freude an seiner Entdeckung.

Sie meinten, Sie machen Ihre Entdeckungen in den Proben.

Wann geht es wieder damit los?

Wir fangen am Montag an. -So bald schon?

Bei diesem Werk geht es wirklich darum,

im Kaffeesatz von Mahlers Intentionen zu lesen.

Bei seinen anderen Sinfonien wissen wir viel darüber.

Er war so inspiriert von den Gedichten von Rückert,

dass er jahrelang nichts anderes vertonte.

Aber das alles ändert sich mit der Fünften.

Die Fünfte ist ein Mysterium.

Und der einzige Hinweis befindet sich auf dem Deckblatt des Manuskripts.

Ja, die Widmung an seine neue Frau Alma.

Will man also zusammen mit Mahler seine Fünfte Sinfonie erschließen,

muss man als Erstes versuchen… diese äußerst komplexe Ehe zu verstehen.

Und würden Sie sagen, Sie interpretieren diese Ehe anders als Bernstein?

Sie erwähnten meine ethnographische Feldforschung am Amazonas.

Nun, Adam, die Shipibo-Konibo empfangen ein "Icaro" oder Lied nur,

wenn der Sänger dort ist,

auf derselben Seite wie der Geist, der es erschaffen hat.

Und so verschmelzen Vergangenheit und Gegenwart.

Es sind die zwei Seiten der einen kosmischen Medaille.

Diese Definition von Werktreue leuchtet mir ein.

Aber Lenny glaubte an Teschuwa.

Die talmudische Kraft, in der Zeit zurückzugreifen

und die Bedeutung vergangener Taten umzukehren.

Als er also bei Robert Kennedys Beerdigung das Adagietto spielte,

dauerte es zwölf Minuten.

Er machte eine Messe daraus. -Ja.

Hört man sich eine Aufnahme an,

spürt man ganz deutlich die Tragik und das Pathos.

Natürlich entsprach diese Interpretation Mahlers Realität.

Später, als er den beruflichen Halt verlor und Alma ihn für Gropius verließ.

Aber wie ich schon sagte… wir haben es immer mit Zeit zu tun.

Und dieses Stück wurde nicht aus Leid und Tragik geboren,

es wurde aus junger Liebe geboren.

Und Sie wählten?

Die Liebe.

Ja. Aber wie lang genau?

Sieben Minuten.

Ich war sehr ergriffen von dem, was Sie zu Adam gesagt haben…

über Interpretation,

und insbesondere über Gefühle,

und dass Sie sich für Liebe entscheiden.

Und ich weiß, nur dem Publikum sollten Tränen kommen, aber…

Passiert es, dass Sie da oben von Emotionen überwältigt werden?

Ja.

Ja, das kommt vor.

Es gibt einen Kreislauf aus Erwartung und Erfüllung bei manchen Werken.

Manche Stellen finde ich so unglaublich, dass ich beim Dirigieren…

Nicht dass ich durchpresche,

aber ich kann's kaum erwarten, zu diesen Stellen zu gelangen.

Ja, und das passiert jedes Mal.

Also ist es sowohl körperlich als auch emotional.

Es muss ewig dauern, bis man wieder auf der Erde ist.

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