The first 200 lines.
ZEIT DER UNSCHULD
Ich fasse es nicht.
Hätte nicht gedacht, dass die Mingotts es tatsächlich wagen würden.
Sie derartig in der Oper vorzuführen. Und sie neben May Welland zu setzen.
Ist sehr eigenartig.
Ihr Leben ist ja auch sehr eigenartig gewesen.
Was meinen Sie, werden sie sie auch zum Ball mitnehmen?
Wenn sie das tun, wird man nur darüber tratschen.
Guten Abend, Mrs. Welland. Guten Abend, May.
Newland, kennen Sie meine Nichte schon, Gräfin Olenska?
Gräfin.
Ich hoffe, du hast es Madame Olenska erzählt.
Was?
Dass wir verlobt sind.
Ich möchte, dass es jeder weiß.
Erlaube mir, es auf dem Ball bekannt zu geben.
Wenn es dir gelingt, Mama zu überreden.
Warum sollten wir ändern, was bereits entschieden ist?
Sag es doch selbst meiner Cousine. Sie kennt dich noch von früher.
Wir haben zusammen gespielt. Das alles bringt es mir in Erinnerung.
Ich sehe sie noch vor mir wie gestern. Alle in Knickerbockern und Spielhöschen.
Sie waren sehr ungezogen. Sie küssten mich einmal hinter einer Tür.
Aber in Ihren Cousin Vandie war ich richtig verliebt, obwohl...
er mich keines Blickes würdigte.
- Sie waren so viele Jahre weg. - Müssen Jahrhunderte gewesen sein.
So lange, dass ich glaube, ich wäre begraben und dies hier sei der Himmel.
Jahr für Jahr wiederholte sich das Gleiche.
Wie gewöhnlich erschien Mrs. Julius Beaufort ohne ihren Gatten...
kurz vor der Juwelenarie,
und wie gewöhnlich erhob sie sich am Ende des dritten Aktes und verschwand.
Und damit wusste ganz New York, dass eine halbe Stunde später...
der jährliche Opernball bei den Beauforts beginnen würde.
Während der ganzen Vorstellung warteten die Kutschen am Bürgersteig.
Es war allgemein in New York bekannt, auch wenn es niemand zugab,
dass es Amerikaner noch schneller von Vergnügungen wegzog,
als es sie zu ihnen hinzog.
Das Haus der Beauforts war eines der wenigen in New York mit Ballsaal.
Solch ein Raum, der an 364 Tagen im Jahr verdunkelt blieb,
sollte alles aufwiegen, was es an der Vergangenheit zu bemänteln gab.
Regina Beaufort kam aus einer angesehenen Familie in South Carolina,
aber ihr Gatte Julius, der vorgab, ein Engländer zu sein,
war bekannt für seinen Sarkasmus, seine zügellosen Gewohnheiten...
und sein dubioses Vorleben.
Die Heirat sicherte ihm eine gewisse Stellung, aber keine Achtung.
Newland Archer hatte nicht in seinem Club gehalten, wie es die Männer sonst taten,
sondern war direkt zu den Beauforts gefahren.
Er wollte, dass die Bekanntgabe der Verlobung...
vom Klatsch über die Gräfin ablenkte,
um damit May und der ganzen Familie seine volle Unterstützung zu zeigen.
Das Haus der Beauforts war großzügig angelegt.
Statt über einen schmalen Gang zum Ballsaal zu gelangen,
durchschritt man eine Flucht von ineinander übergehenden Salons.
Aber erst wenn man den karmesinroten Salon durchschritt,
konnte man die Wiederkehr des Frühlings sehen, den umstritten Akt Bouguereaus,
den Beaufort in seiner Unverfrorenheit für jeden sichtbar aufgehängt hatte.
- Guten Abend, Sir. - Guten Abend, Mr. Archer.
Archer genoss solche Herausforderungen an die Konventionen.
Für sich stellte er den Konformismus in Frage,
doch nach außen ehrte er Familie und Tradition.
Dies war eine Welt eines so prekären Gleichgewichts,
dass ihre Harmonie durch ein Flüstern zerstört werden konnte.
Im Großen und Ganzen amüsierte Archer die Heuchelei der New Yorker Gesellschaft.
Er mag sie sogar beneidet haben.
Lawrence Lefferts, zum Beispiel, war New Yorks erste Autorität,
was Form anbetraf.
Und seine Meinung über Pumps oder Lackschuhe...
war nie angezweifelt worden.
Und ging es um die Beurteilung heimlicher Romanzen, war er unbestritten.
In Bezug auf Familie war der alte Sillerton Jackson eine ebenso große Autorität...
wie Lawrence Lefferts in Bezug auf Form.
Die seltsam melancholische Ehe der Gräfin Olenska in Europa...
war ein verborgener Schatz, den auszugraben er sich anschickte.
Er trug mit sich, wie eine Visitenkarte, ein ganzes Verzeichnis von Skandalen...
und Geheimnissen, die in den letzten 50 Jahren unter der glatten Oberfläche...
der Gesellschaft geschwelt hatten.
Nun, Julius Beauforts Geheimnis lag in der Art seines Auftretens.
Er verstand es auf einer seiner Partys zu erscheinen, als wäre er selbst ein Gast,
und ebenso konnte er sich frühzeitig verabschieden,
um sich zu einer Adresse in den East Thirties zu begeben.
Beaufort war, was seine Geschäfte anging, unerschrocken, in seinen persönlichen...
Angelegenheiten geradezu verwegen.
Archers Verlobte stand diesen Intrigen unschuldig und verständnislos gegenüber.
May Welland stand für Archer für alles Schöne und Gute auf dieser Welt,
sie war für ihn die Verkörperung all dessen, was er verehrte.
Ich sagte es all meinen Freundinnen, wie du es wünschtest.
Ich konnte nicht länger warten. Ich wünschte, es wäre kein Ball.
Sogar hier sind wir allein und können...
Das Schlimme daran ist, ich würde dich gerne küssen, doch ich darf nicht.
Newland.
- Hast du es auch Ellen erzählt? - Nein, ich hatte noch keine Gelegenheit.
Sie ist meine Cousine, Newland. Wenn die anderen es vor ihr...
Sie ist so lange weg gewesen.
- Und da ist sie empfindlich... - Natürlich sag ich es ihr.
Sie kommt nicht, das entschied sie in letzter Minute.
In letzter Minute?
Ihr Kleid sei nicht elegant genug, meinte sie.
Wir fanden es wunderschön, aber sie wollte nach Hause fahren.
Dann geht es nicht.
Wirklich sehr hübsch.
Überaus großzügig.
Zu meiner Zeit war man mit einer in Perlen gefassten Kamee zufrieden.
Aber die Hand bringt den Ring zur Geltung, nicht wahr, mein lieber Mr. Archer?
Es ist eine neue Fassung. Sie bringt den Stein zur Geltung.
Aber für altmodische Augen sieht er etwas kahl aus.
Ich hoffe, damit sprichst du mich nicht an? Ich bin für alles Neue.
Meine Hände wurden in Paris vom großen Roche modelliert.
Er sollte das auch mit May tun. Zeig mal, Kindchen.
Ihre Hand ist so gestellt.
Diese modernen Sportarten vergrößern die Handgelenke.
Aber die Haut ist schön weiß.
Wann soll Hochzeit gehalten werden?
Sobald wie möglich, wenn Sie mich unterstützen, Mrs. Mingott.
Mama, sie sollten sich doch erst noch besser kennen lernen.
Kennen lernen?
Aber in New York kennt doch schon immer jeder jeden.
Wartet nicht, bis der Wein ausschäumt. Verheirate sie vor der Fastenzeit.
Könnte eine Lungenentzündung bekommen. Ich will doch das Frühstück ausrichten.
Welch entzückendes Angebot.
Selbst wenn sie nicht Mays Großmutter gewesen sei,
hätte Mrs. Manson Mingott als Erste darauf bestanden,
den obligatorischen Verlobungsbesuch zu empfangen.
Sie war nicht nur die Matriarchin dieser Welt,
sie war so etwas wie ihre Kaiserin.
Die ganze New Yorker Gesellschaft war mit ihr verwandt,
und über die wenigen Übrigen war sie gut informiert.
Obwohl schmale Häuser aus rötlichem Sandstein üblich waren,
lebte sie in einem umstrittenen, riesigen Haus aus cremefarbenen Steinen...
in der unzugänglichen Wildnis in der Nähe des Central Parks.
Ihre Fleischesbürde hatte es ihr schon lange unmöglich gemacht,
die Treppen hinauf- oder hinabzusteigen.
Daher hatte sie sich, ihrer Unabhängigkeit gemäß,
im Erdgeschoss ihres Hauses eingerichtet.
Vom Wohnzimmer aus bot sich einem ein unerwarteter Blick ins Schlafzimmer.
Ihre Besucher waren verblüfft und fasziniert von dieser Fremdartigkeit,
die an Szenen aus französischen Romanen erinnerte.
So lebten Frauen mit ihren Liebhabern in der verruchten, alten Welt.
Wäre sie an einem Geliebten interessiert gewesen,
hätte diese furchtlose Frau ihn sich auch genommen.
Im Augenblick begnügte sie sich damit, dass Leben und Leidenschaft von Süden...
durch die Tür strömten, ungeduldig auf die Vereinigung Newland Archers...
mit ihrer Enkeltochter May wartend.
Dieses erinnerungswürdige Ereignis würde zwei der besten Familien verbinden.
- Auf Wiedersehen, Mama. - Auf Wiedersehen, Augusta.
Ellen.
Welch seltenes Vergnügen.
- Unnötigerweise selten. - Bonjour, Grand-mère.
Ich traf die Gräfin Ellen am Madison Square.
War so nett, sich von mir begleiten zu lassen.
Ich hoffe, es wird vergnüglicher, da sie da ist.
- Danke. - Rücken Sie den Sessel heran.
- Den hier? - Ich möchte den neuesten...
Sie hörten bestimmt von meiner Verlobung mit May.
Sie rügte mich, weil ich es nicht in der Oper sagte.
Natürlich weiß ich es und bin sehr erfreut.
Solche Neuigkeiten erzählt man nicht in einer Menschenmenge.
Oh, Vorsicht, Schätzchen.
Sonst bleibst du mit dem Ring hängen.
- Wiedersehen, Ellen. - Wiedersehen.
Auf Wiedersehen.
Besuchen Sie mich demnächst.
Es war ein Fehler von Ellen, mit Julius Beaufort...
in der Fifth Avenue entlang zu flanieren, mitten am Tag,
gleich nach ihrer Ankunft.
Er benahm sich immer schamlos, seine Frau muss von Annie Ring wissen.
Sillerton Jackson genoss seine regelmäßigen Besuche bei den Archers...
mehr als das eigentliche Abendessen.
Newland Archers Mutter und seine Schwester Janey waren beide...
scheue Frauen und mieden Geselligkeiten.
Aber sie wollten gern informiert sein und schwärmten für ihren Junggesellenfreund.
Gewisse Nuancen fehlen Beaufort, finde ich.
Da stimme ich zu. Beaufort ist ein vulgärer Mensch.
Ihm entgeht keine geschäftliche Nuance.
Der meiste Teil der New Yorker Gesellschaft traut ihm.
Mein Großvater Newland pflegte zu meiner Mutter zu sagen:
"Hauptsache, Beaufort wird den Töchtern nicht vorgestellt."
Das hatte den Vorteil, dass die jungen Damen nie in Verlegenheit...
Die Archers und die Mingotts waren zwei der kräftigsten Äste...
des verzweigten Stammbaums von New York.
Großmutter Mingotts Familie begrüßte Mays alte Traditionen ebenso,
wie sie Ellens Zwanglosigkeit tolerierte.
Nur Archers Familie hielt an alten Traditionen fest.
Sowohl seine Mutter als auch Schwester verließen sich auf seinen Schutz.
Er würde immer, so versicherte Mrs. Archer, ihre "starke rechte Hand sein".
War denn unsere neue Cousine auch auf dem Ball?
Ich habe nichts dagegen, dass die Mingotts zu ihr halten, sie in die Oper bringen.
Ich bewundere ihren esprit de corps.
Aber wieso die Verlobung unseres Sohnes mit den Gebaren dieser Person...
verquickt werden musste, also das verstehe ich nicht.
Nun, sie ist ja Gott sei Dank nicht erschienen.
So viel Anstand hatte sie wenigstens.
Sir?
Frage mich, ob sie nachmittags einen runden Hut oder Haube trägt.
In der Oper trug sie ein ziemlich einfaches Kleid.
- Es zeugt von Geschmack, dass sie nicht... - Das war keine Frage von Geschmack.
Der Gräfin ist ihr Kleid nicht elegant genug gewesen.
Arme Ellen.
Dürfen nie vergessen, welch überspannte Erziehung sie genossen hat.
Wenn man ein Mädchen zum Debütantinnenball schwarzen Satin...
tragen lässt, ist das zu erwarten.
Sonderbar, dass sie nach der Heirat den hässlichen Namen Ellen beibehielt.
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